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Das neue «Die Ärzte»-Album heisst «Hell» und erscheint am 23. Oktober 2020. Bild: Jörg Steinmetz / Paul Gärtner

Das schreit nach Punk: «Die Ärzte» sind mit einem fulminanten Album zurück

Nach Jahren voller Knatsch – aber ohne Album – sind Die Ärzte zurück aus dem Studio. Der erste Hit ist schon platziert. «Hell», ein fulminantes neues Album der Band verspricht weiteren Erfolg.



Ohne Wumms geht es vermutlich nicht. Nach acht Jahren voller Querelen zwischen den Musikern, mit nur wenigen Auftritten und kaum neuer Musik meldet sich die Berliner Punkband Die Ärzte mit einem eindrucksvoll starken Album zurück. Erste Duftmarken sind schon gesetzt: die zweite Single-Auskopplung «True Romance» landete direkt auf Platz eins der deutschen Charts.

Zuvor kletterte «Morgens Pauken» schon auf Platz drei. Das neue Album von Bela B, 57, Farin Urlaub, 56, und Rodrigo Gonzalez, 52, verspricht weitere Erfolge, vor allem aber: Es gibt jede Menge Musikspass.

«Es ist eine unserer besten Platten», sagt Schlagzeuger Bela B im Gespräch der Band mit der Deutschen Presse-Agentur. Die 18 Stücke von «Hell» belegen nachhaltig, dass der Satz keine leere Phrase eines Musikers über sein jüngstes Werk ist. «Diese Mischung ist echt geil», ergänzt Gitarrist Urlaub und nennt den hörbaren Grund, «jeder von uns schreibt Songs, die die anderen beiden niemals schreiben würden».

So ist «Hell» (Bela B: «Himmel oder Hölle? Was Religiöses? Wir mögen das schon, diese Mehrdeutigkeit.») ein sehr vielseitiges Ärzte-Album geworden. Harte Rockriffs bilden eine Soundwall neben gezupfter Streicherromantik, erstklassiger Pop findet sich neben Kurt Weillscher Avantgarde, schunkelnder Bierfröhlichkeit oder wildem Oi!-Punk.

Punk?

So nonkonformistisch und provozierend Die Ärzte einst begonnen haben mögen, wird das Rebellische bei den längst arrivierten Musikern immer wieder in Frage gestellt. Das haben sie mit der ersten Auskopplung «Morgens Pauken» selbst auf die Schippe genommen, wenn sogar blank geputzte D-Aufkleber und Chardonnay zu Punk erklärt werden. «In den 90ern ging es los mit Golf-Punk und Business-Punk», sagt Urlaub. «Und dann hiess Punk: wir sind alle sowieso ein bisschen anders und eigentlich stecken wir alle unter einer Decke. Der Song ist die finale Abrechnung mit jedem, der für sich in Anspruch nehmen will, dass er eigentlich auch Teil cooler Subkultur ist.» Bela B sieht im Song denn auch ein «Plädoyer für Vielseitigkeit».

Wie erfolgreich Die Ärzte immer noch ansteckend fröhlichen Pop machen können, zeigt «True Romance», ein Song über einsamen Sex in virtuellen Zeiten mit Gespielinnen wie Siri und Alexa. Unter #singtrueromance finden sich im Netz bereits unzählige Coverversionen. Der Zusammenschnitt «We Are The Romance» vereint Künstler wie Die Toten Hosen, Antilopen Gang, Beatsteaks, Deichkind, Fettes Brot, Kraftklub und Tocotronic bis zu H.P. Baxxter oder Roland Kaiser.

Mit «Das letzte Lied des Sommers» gibt es auf «Hell» zudem noch einen Song, der nahtlos an die launige Mitsingkultur eines Hits wie «Westerland» anknüpft. Bei Zeilen wie «Ich träume immer noch von Sonne, Sand und Meer / doch ich steh' hier im Berufsverkehr» scheinen vielstimmige Chöre im Pendlerstau programmiert. Karibisch-fröhlich rückt «Ich, am Strand» die Ego- und Selfie-Manie in den Fokus – bis hin zum finalen Foto beim Kippensammeln unter dunkler Brücke.

Definitiv politisch

Daneben steht mit «Achtung: Bielefeld» eine sehr rockiges Plädoyer für ein offenes Bekenntnis zur Langeweile. Wie ernst es den Ärzten damit ist, zeigt die Zeile «ich denke, dass eine Mutter in Aleppo sich auch ganz gern mal langweilen würde». Urlaub zum Song: «Der Bezug zu Aleppo war mir beim ersten Hören sogar zu hart und jetzt bin ich total glücklich, dass es auf dem Album drauf ist.» Bela B: «Es ist ein verdammter Luxus, dass wir uns langweilen dürfen. Genauso wie es verdammter Luxus ist, dass wir hier in unserem Land nur beim Einkaufen eine Maske tragen müssen. Es ist auch ein Song gegen das Jammern.»

Das Archivbild von 1993 zeigt die Mitglieder der deutschen Popgruppe

Rod, Farin und Bela im Jahr 1993. Bild: dpa

Womit wir bei der Politik wären. «Wer verliert, hat schon verloren» warnt vor schneller Aufgabe kämpferischer Ziele, denn «Verlieren ist keine Option». Daneben geht es gegen krude Verschwörungsmythen aus dem «Netz der Wahrheit». In «Woodburger» wird die AfD mit Analverkehr unterlaufen, die könne zudem «ohne Angst und Hass nicht überleben». Mit «Liebe gegen rechts» setzen Die Ärzte auf die Heilkraft emotionaler Zuwendung, weil ja «niemand als Faschist geboren» wird.

Für Urlaub ist «Hell» ein «relativ» politisches Album. Es seien Alltag und Dinge, «mit denen wir uns beschäftigen», sagt Bela B, «dazu gehören blöderweise auch der Rechtsruck, die rechtspopulistischen Auswüchse der letzten Jahre.» Mit Einschränkung: «Alles garniert mit der Albernheit und Leichtigkeit der Ärzte.»

(oli/sda/dpa)

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