Coronavirus
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SVP-Nationalrat Franz Grüter und FDP-Präsidentin Petra Gössi überreichen Bundesrat Guy Parmelin den offenen Brief. Auf der linken (v.l) Seite: Der Zuger Ständerat Matthias Michel, der Nidwaldner Ständerat Hans Wicki und der Urner Ständerat Josef Dittli. Bild: EPA

Findet das WEF in Singapur statt? Besorgte Bürgerliche schreiben offenen Brief

Für Zentralschweizer Politiker ist das WEF noch nicht verloren. Mit einem offenen Brief an den Bundesrat kämpfen sie gegen die drohende Abwanderung. Doch das Rennen scheint gelaufen.

Roman Schenkel / ch media



Wenn Politiker offene Briefe schreiben, ist die Lage meistens hoffnungslos. Der Luzerner SVP-Nationalrat Franz Grüter sieht das ähnlich. Die Chancen, das WEF doch noch in der Schweiz zu halten, seien gering, räumt er im Gespräch mit unserer Zeitung ein. «Das ist aber kein Grund, nichts zu unternehmen.» Grüter hat am Mittwochmorgen mit WEF-Gründer Klaus Schwab telefoniert, um ihm aufzuzeigen, «was ein negativer Entscheid für die Zentralschweiz für Konsequenzen hätte». Grüter sagt:

«Dass das WEF 2021 in Nidwalden und Luzern durchgeführt wird, ist für unsere Region und die gesamte Schweiz von grosser Bedeutung. Gerade jetzt, wo viele Unternehmen ums Überleben kämpfen, können sie nicht noch einen grossen Auftrag verlieren.»

Schwab weilt derzeit in Singapur, was Grüter als Zeichen wertet, dass der asiatische Stadtstaat einen Vorsprung hat. Schwab hat ihm gesagt, dass der Entscheid am Montag fallen werde. Dann entscheidet das sogenannte Board of Trustees des WEF über den definitiven Veranstaltungsort.

Die drohende Verlegung des Weltwirtschaftsforums vom Bürgenstock in Nidwalden nach Singapur hat Grüter und eine Gruppe von 20 bürgerlichen Parlamentariern aus der Innerschweiz aufgeschreckt. In einem offenen Brief an Wirtschaftsminister Guy Parmelin schreiben sie: «Die Durchführung des WEF 2021 in Nidwalden und Luzern ist gerade in der aktuellen Zeit entscheidend für die Sicherung Hunderter Arbeitsplätze in der Zentralschweiz und für die langfristige Durchführung des WEF in der Schweiz!» Die Parlamentarier fordern den Bundesrat zum Handeln auf, dass der Wirtschaftsanlass doch noch in der Zentralschweiz stattfinden kann. Grüter sagt:

«Wenn sich das WEF jetzt gegen die Schweiz entscheidet, haben wir beispielsweise über 4000 Soldaten unnötigerweise angewiesen, ihre Wiederholungskurse zu verschieben.»

Das sei nur ein Beispiel. Gravierender sei die Situation der Hotels, die wegen Corona sowieso schon darbten. «Im Raum Nidwalden und in der Stadt Luzern waren die Hotels für die WEF-Zeit im Mai bereits stark ausgebucht.» Nun würden auch diese Umsätze wegfallen - zudem seien eventuell andere potenzielle Gäste für diese Zeit abgewiesen worden.

ARCHIVBILD ZUR MELDUNG, DASS DAS WEF 2021 IM MAI AUF DEM BUERGENSTOCK STATTFINDET, AM MITTWOCH, 7. OKTOBER 2020 - Das Palace Hotel Buergenstock Resort Lake Lucerne, aufgenommen am Mittwoch, 21. Juni 2017. (KEYSTONE/Alexandra Wey)

Findet das WEF doch nicht hier statt? Das Hotel Bürgenstock hoch über dem Vierwaldstättersee. Bild: keystone

Hinzu kommen die Kosten für Sicherheitskonzepte, die bereits erstellt wurden. «Die Kantone Luzern und Nidwalden haben dafür schon viel Geld ausgegeben», sagt Grüter. Er habe WEF-Gründer Schwab eindringlich gebeten, diese Punkte in die Entscheidung einfliessen zu lassen. «Ich glaube nicht, dass er sich den weitreichenden Konsequenzen voll bewusst war», meint der SVP-Nationalrat.

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Wegen der Corona-Pandemie hat WEF-Gründer Klaus Schwab das Stelldichein der Wirtschafts- und Regierungschefs, das stets in der zweiten Januarhälfte in Davos über die Bühne geht, um vier Monate nach hinten geschoben und in die Zentralschweiz verlegt. Doch nun steht auch diese Veranstaltung auf der Kippe. Dies weil die Schweiz international als Corona-Hotspot in den Schlagzeilen steht. WEF-Teilnehmer haben darauf reagiert und bei den Veranstaltern ihre Skepsis mitgeteilt.

epa08274730 A view of the Marina Bay Sands and city skyline in Singapore, 06 March 2020. Singapore's tourism sector is expected to be hit hard due to the ongoing outbreak of the COVID-19 disease casued by the SARS-CoV-2 coronavirus, with visitor arrivals estimated to fall by 25 to 30 percent this year.  EPA/HOW HWEE YOUNG

Singapur, im Bild die Marina Bay, hat beim Buhlen um die Austragung des WEF 2021 offenbar die Nase vorn. Bild: EPA

Das WEF hat deshalb alternative Veranstaltungsorte in Ländern geprüft, die weniger stark von Corona betroffen sind. Dabei hat sich offenbar Singapur durchgesetzt. Schwab ist persönlich vor Ort gereist, um die Verhandlungen zu führen.

WEF-Verantwortliche sehen Situation in der Schweiz kritisch

Viel Zeit hat die Schweizer Regierung nicht mehr, um das Ruder herumzureissen. Vor allem aber scheint das Rennen gelaufen. Die WEF-Verantwortlichen stufen die jetzige Covid-19-Situation und ihre Entwicklung in der Schweiz als kritisch ein. «Die Sicherheit und Gesundheit der Teilnehmer und der Bevölkerung haben für uns absolute Priorität», schreibt Schwab in einer Mitteilung an einen Schweizer Parlamentarier.

epa05111724 US Vice-President Joe Biden (2-R), Jill Biden (R), US actor Leonardo DiCaprio (L) and German Klaus Schwab (C), founder and president of the World Economic Forum, WEF, applaud after the Crystal Award Ceremony on the eve of the opening of 46th Annual Meeting of the World Economic Forum, WEF, in Davos, Switzerland, 19 January 2016. The overarching theme of the meeting, which is expected to gather some 2,500 leading politicians, UN executives, heads of major corporations, NGO leaders and artists at the annual four-day gathering taking place from 20 to 23 January, is 'Mastering the Fourth Industrial Revolution'.  EPA/LAURENT GILLIERON

WEF-Gründer Klaus Schwab (l.) möchte den neu gewählten US-Präsidenten Joe Biden und seine Frau Jill ans WEF locken. Biden, der sich während des Wahlkampfs wegen Corona mit Auftritten stark zurückgehalten hatte, käme wohl nicht in ein Land, das als Corona-Hotspot bezeichnet wird. Bild: EPA/KEYSTONE

Für den Standortentscheid seien zwei Bedingungen zentral: Zum einen muss der Standort praktisch Corona-frei sein und dies auch für eine weitere Zukunft gewährleisten können. Zum Vergleich: Singapur hat in den letzten Tagen weniger als 10 Ansteckungen pro Tag und seit März insgesamt 29 Todesfälle. In der Schweiz vermeldete das Bundesamt für Gesundheit allein am Mittwoch 4786 Neuinfektionen und 115 Todesfälle in den vergangenen 24 Stunden. Schon bald überschreitet die Zahl der Todesfälle hierzulande die Grenze von 5000. Zweitens müsse für das WEF ein verbindliches Protokoll der Schutzmassnahmen bereits jetzt vorliegen, um den Teilnehmern eine gewisse Sicherheit zu bieten.

Wäre die Verlegung des WEF die Quittung für die lasche Schweizer Corona-Politik, die im Ländervergleich hohe Infektions- und Todeszahlen zu verzeichnen hat? «Ich finde, die Schweiz hat eine gute Balance zwischen Einschränkungen und dem Funktionieren der Wirtschaft gefunden», verteidigt Grüter den Schweizer Weg. Asiatische Länder mit einem «anderen Rechtssystem» hätten viel rigoroser durchgegriffen und hätten andere Möglichkeiten, Massnahmen durchzusetzen. «Es gibt für mich aber dennoch keinen Grund, das WEF nicht hier durchzuführen. Wir haben funktionierende Schutzkonzepte», sagt Grüter.

Nochmalige Verschiebung ist keine Option

Eine nochmalige Verschiebung kommt für Schwab offenbar nicht in Frage: «Die Möglichkeit Zeit zu gewinnen und das Jahrestreffen eventuell in den Spätsommer zu verschieben, ist leider auch nicht möglich, da wir dann die Durchführung des Jahrestreffens in Davos 2022 gefährden würden», schreibt er in der Mitteilung an die Parlamentarier. Der zeitliche Abstand wäre zu kurz und das WEF habe sich verpflichtet, im Januar 2022 wieder in Davos zu sein.

Sollte der Entscheid tatsächlich zu Ungunsten der Schweiz ausfallen, so kündigt Schwab immerhin eine besondere Präsenz in der Innerschweiz an. So würde die Region doch nicht ganz leer ausgehen.

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