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epa08963313 Tampa Bay Buccaneers quarterback Tom Brady holds the George Halas Trophy after defeating the Green Bay Packers in their NFL NFC Championship game at Lambeau Field in Green Bay, Wisconsin, USA, 24 January 2021. The Buccaneers will go on to face either the Buffalo Bills or the Kansas City Chiefs in Super Bowl LV in Tampa Bay, Florida on 07 February 2021. EPA/TANNEN MAURY

Tom Brady hat's mal wieder geschafft – er steht zum 10. Mal im Super Bowl. Bild: EPA

Kommentar

Wieso ich Tom Brady nicht mag

Tom Brady steht zum 10. Mal in einem Super Bowl. Das ist übermenschlich, phänomenal. Doch das Spiel gestern gegen die Green Bay Packers hat verdeutlicht, dass Brady eine Legende mit fahlem Beigeschmack ist.



Zu Beginn müssen drei Dinge klargestellt werden.

Erstens haben die Packers absolut verdient verloren; zu eng war der Fokus im Passspiel auf Davante Adams, zu feige das Playcalling von Matt LaFleur, zu schlecht der Cornerback Kevin King und zu gut die Defense der Buccaneers.

Zweitens bin ich persönlich kein Packers-Fan, aber sicherlich ein Sympathisant und vor allem ein grosser Bewunderer von Quarterback Aaron Rodgers. Folglich fieberte ich gestern ganz klar für die Packers und bin Stand jetzt natürlich noch ein wenig mitgenommen. Subjektive Voreingenommenheit Level 100.

Und drittens ist und bleibt Tom Brady der weitaus erfolgreichste Quarterback der bisherigen Geschichte. Ein sensationeller Quarterback, der Super Bowls mit Teams gewonnen hat, die eigentlich nicht Playoff-tauglich gewesen wären. Auch im hohen Sportsalter zeigt er es nochmals allen und verdient zweifelsohne massig Respekt.

Der Claim

Aber er ist nicht der «GOAT», der Beste aller Zeiten. (Im Übrigen ein Begriff, der im Sport – und auch sonst – ohnehin verboten gehört).

Tampa Bay Buccaneers quarterback Tom Brady reacts after winning the NFC championship NFL football game against the Green Bay Packers in Green Bay, Wis., Sunday, Jan. 24, 2021. The Buccaneers defeated the Packers 31-26 to advance to the Super Bowl. (AP Photo/Jeffrey Phelps)

Neues Gewand, selbes Resultat: Tom Brady schafft auch mit den Tampa Bay Buccaneers den Einzug in den Super Bowl. Bild: ap

Denn die Art und Weise, wie der Sieg der «Bucs» zustandegekommen ist, grenzt ans Skandalöse. Und das ist insbesondere in der Playoff-Karriere von Brady beim besten Willen kein Novum. Brady hat die Schiedsrichter in der Tasche. Klar, eine dreiste Unterstellung – wenn es denn nicht so schmerzlich einfach nachzuweisen wäre. Und das selbst gegen die Packers, die sich traditionell nun wahrlich nicht oft über Schiedsrichter-Pech beklagen dürfen.

Bradys Teams scheinen schlicht mit anderen Ellen belangt zu werden. Das Spiel gestern ist quasi eine Allegorie auf Bradys Karriere. Er spielt gut – nicht perfekt, aber gut – und mit allem Wohlwollen der Schiedsrichter und einzelnen überragenden Einzelleistungen seiner Teammates reicht es für einen weiteren «phänomenalen» Sieg. Gratulation.

Die Bestandesaufnahme

Gleich in drei Szenen wurde Bradys Buccaneers gestern von den Schiedsrichtern bevorteilt.

Die Interception von Sean Murphy-Bunting

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Murphy-Bunting zieht Lazard am Schulter-Pad. Video: streamable

Gemäss NFL-Regelwerk eine Defensive Pass Interference:

Holding Packers Buccaneers

bild: screenshot

Der wichtige dritte Versuch von Rodgers auf Lazard im vierten Viertel

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Auch hier fliegt die Flagge nicht. Video: streamable

An der Line gemäss NFL-Regelwerk ein klarer Hold:

Holding Packers Buccaneers

Bild: Screenshot youtube

Nun, die Schiedsrichter gaben den Spielern somit zu verstehen, dass sie das Spiel mehrheitlich laufen lassen wollen. Dass diese beiden Fouls eigentlich nur einen sehr kleinen Ermessensspielraum zulassen, muss an dieser Stelle wohl einfach so hingenommen werden. Aber gut, machen wir.

Die gepfiffene Defensive Pass Interference (DPI) beim spielentscheidenden dritten Versuch

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Video: streamable

Gemäss NFL-Regelwerk eine DPI:

Holding Packers Buccaneers

Bild: twitter

Klar, (leider erneut) saudumm verteidigt von Kevin King, Tyler Johnson fällt theatralisch, die Flagge kommt reichlich spät und die Buccaneers gewinnen. Es war eine DPI, klar, aber ...

«RIESIGES Problem, wenn sie sie ‹einfach spielen lassen›. Die Spieler kennen die Grenze nicht mehr, die im Laufe eines Spiels nicht überschritten werden darf, und ein Entscheid, der das ganze Spiel über nicht gepfiffen wurde, wird am Ende des Spiels zu einem kritischen Foul-Entscheid. Es macht keinen Sinn, dass in den Playoffs und in der regulären Saison unterschiedliche Standards für Strafen gelten.»

Die Einordnung

Für Bradys Teams werden die Regeln gebogen, gestretcht, justiert oder einfach neu interpretiert. Nicht nur in diesem Spiel. Das begann bereits bei seinem ersten Playoff-Auftritt 2002, als eine Regel quasi für Brady ad hoc neu ausgelegt wurde. Das Spiel ist bis heute als «Tuck Rule Game» bekannt und sorgte einst ligaweit für Empörung.

Das Verhältnis von Brady zu den Schiedsrichtern stand von da an immer unter allgemein strenger Beobachtung. Und die Schiedsrichter tun denn auch relativ wenig, diese Zweifel zu entkräften. «Deflategate» und «Spygate» mal noch ausgeklammert.

Schönes Beispiel aus dieser Saison: Ist der Ball zu kurz, wird der First-Down-Marker einfach geneigt, bis es fürs First Down reicht ...

In Momenten, in denen das Momentum weg von Brady zu driften droht, spielten Schiedsrichter einfach schon zu oft aktiv das Zünglein an der Waage. Jedes Team hat mal Glück mit den Schiedsrichtern. Aber Bradys Teams sind in dieser Hinsicht einfach verstörend konstant.

Schönes Beispiel aus den Conference Finals 2019: Roughing ... the ... Passer?

Über längere Zeit kotzt das an. Bei Spielen wie gestern, bei denen ich mich konsterniert mit weit aufgerissenen Augen und ausgestreckten Armen mitten im Wohnzimmer wiederfinde, frage ich mich, wieso ich das überhaupt noch schaue. Oder vielmehr: Wieso ich mich tatsächlich noch davon überraschen lasse.

Die Schiedsrichter haben in den letzten Jahren in den Playoffs immer wieder für Kopfschütteln gesorgt. Und wenn Brady auf dem Feld steht, ist der Fall klar, dass es diese eine entscheidende Szene geben und vermutlich in seinem Sinne gepfiffen wird. Dafür habe ich schon genügend viele NFL-Spiele geschaut.

Gäbe es doch nur einmal, EINMAL, einen zweifelhaften Call der Schiedsrichter gegen Bradys Team, es käme einer Absolution gleich. Und man hofft, fiebert mit, analysiert die Formations, beisst sich ins Spiel. Dann kommt oben besagtes Third Down, der überworfene Pass und keine Flagge. Ist es heute so weit? Haben die Schiedsrichter einfach eine Linie im Spiel? Nein. Die Flagge kommt. Nach einer gefühlten Unendlichkeit, aber eben doch auch so sicher wie das Amen in der Kirche. In dubio pro Brady.

epa08963313 Tampa Bay Buccaneers quarterback Tom Brady holds the George Halas Trophy after defeating the Green Bay Packers in their NFL NFC Championship game at Lambeau Field in Green Bay, Wisconsin, USA, 24 January 2021. The Buccaneers will go on to face either the Buffalo Bills or the Kansas City Chiefs in Super Bowl LV in Tampa Bay, Florida on 07 February 2021. EPA/TANNEN MAURY

Bild: EPA

Im Anschluss dann das Schwadronieren der deutschen Kollegen bei ProSieben über Brady, den «GOAT», sein Siegeswille, mentale Stärke, pipapo – «WAHN-SINN». Schon Wahnsinn. Aber wüsste ich, dass im Zweifel halt doch die eine oder andere rettende Flagge für mich geworfen wird, würde ich in der heissen Phase des Spiels auch relativ locker und unbeschwert das Spiel dirigieren. Es ist ein von Heuchelei triefender schlechter Witz.

Das Fazit

Soll er seine Ringe absahnen, sich vom Lob der Kommentatoren überhäufen lassen. Da hab ich gar nichts dagegen und vieles davon geschieht ja aus gutem Grund. Er kann so viele Super Bowls gewinnen, wie er will. Er wird aber nie der Grösste oder Beste sein.

Im Fussball wäre er der Topscorer, der 30 Prozent seiner Treffer durch wohlwollend gepfiffene Elfmeter erzielt. Und wenn er mal verschiesst, wird der Elfmeter vielleicht halt wiederholt. Sehr gut, aber für mich halt weniger beeindruckend.

Er ist zweifelsohne der erfolgreichste Footballspieler unserer Zeit, aber nicht der talentierteste. Brady ist ein guter Werfer, aber bei weitem nicht der Beste. Er will vielleicht einfach ein wenig mehr gewinnen als andere. Vor allem aber, was es zum Gewinnen braucht. Und zumindest ein Teil davon ist schwarz-weiss gestreift.

Und reicht es mal trotzdem nicht, so lässt Brady den Handshake am Schluss des Spiels mit seinen Gegnern gerne mal aus. Das ist wüst, nicht gross.

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