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Allein in der Finsternis – Wir müssen mehr über Depressionen reden

Bild: shutterstock

Wie erkenne ich eine Depression? Wie komme ich wieder raus? Und wie kann ich helfen, wenn's jemandem in meinem Umfeld schlecht geht? Ein paar Antworten.



Yonnihof Yonni Meyer

Psychische Krankheiten sind in weiten Teilen der Gesellschaft noch immer ein Tabuthema. Es gibt keine Röntgenbilder, die man vorweisen kann, keine Blutwerte, keine einfache Weise, wie man als Laie eindeutig erkennen kann, dass jemand psychisch erkrankt ist.  

Das macht es nicht nur den Betroffenen schwer, offen mit ihrem Leiden umzugehen – es ist auch für Nicht-Betroffene schwierig, Achtsamkeit für psychische Formen von Erkrankungen zu entwickeln. Dazwischen stehen die Angehörigen, oft hin- und hergerissen zwischen Mitleid, Überforderung und Ohnmacht. Gerade Kinder psychisch erkrankter Menschen werden häufig nachhaltig von der Lebensgeschichte ihrer Eltern mitgeprägt, welche oft nicht (mehr) die Energie haben, gegen diese gefährlichen Tendenzen anzugehen.  

Einer von fünf Menschen erkrankt im Laufe seines Lebens an einer Depression. Und das ist noch die optimistischste Schätzung. Einst wurde angenommen, Frauen würden öfter depressiv als Männer – heute gehen viele Fachleute davon aus, dass die Zahlen ziemlich ausgeglichen sind, die sozialen Stigmata bei Männern aber oft zum Verheimlichen/Verschweigen ihres Leidens führen. Die Dunkelziffer ist aber auch bei Frauen hoch.  

Aus diesen Gründen – und weil ich sowohl persönlich als auch beruflich betroffen bin/war – will ich hier wieder einmal etwas Aufklärung betreiben und das Bewusstsein bezüglich Depression fördern.  

Ich habe schon öfter über dieses Thema geschrieben und im Nachklang zu solchen Texten erreichen mich oft persönliche Messages mit Fragen und Kommentaren. Die häufigsten habe ich hier zusammengetragen und werde versuchen, sie nach bestem Wissen und Gewissen zu beantworten. Wichtig: Die meisten dieser Aussagen sind subjektiv. Meine Wahrnehmung lässt sich nicht auf alle Depressiven übertragen.  

Wie weiss ich, dass ich eine Depression habe?
Hierzu gibt es unterschiedliche Antworten. Die Diagnosekriterien der Internationalen Klassifikation psychischer Störungen (ICD-10) spricht von einer depressiven Episode (F32), wenn über mindestens zwei Wochen eine gewisse Anzahl folgender Kriterien erfüllt sind:

Leitsymptome:
- depressive Stimmung, in einem für die Betroffenen deutlich ungewöhnlichen Ausmass, die meiste Zeit des Tages, fast jeden Tag und im wesentlichen unbeeinflusst von den Umständen
- Interessen- oder Freudeverlust an Aktivitäten, die normalerweise angenehm waren  
- verminderter Antrieb oder gesteigerte Ermüdbarkeit    

weitere Symptome: 
- Verlust des Selbstvertrauens oder des Selbstwertgefühls  
- unbegründete Selbstvorwürfe oder ausgeprägte, unangemessene Schuldgefühle  
- wiederkehrende Gedanken an den Tod oder an Suizid; suizidales Verhalten  
- Klagen über oder Nachweis eines verminderten Denk- oder Konzentrationsvermögens, Unschlüssigkeit oder Unentschlossenheit  
- psychomotorische Agitiertheit oder Hemmung (subjektiv oder objektiv)  
- Schlafstörungen jeder Art          
- Appetitverlust oder gesteigerter Appetit mit entsprechender Gewichtsveränderung

Für eine schwere Episode müssen alle Leitsymptome plus mindestens fünf der anderen (Gesamtzahl mindestens acht), für eine mittelgradige Episode mindestens zwei der Leit- plus mindestens drei der weiteren Symptome (Gesamtzahl sechs oder sieben) und für eine leichte Episode zwei der Leit- und ein oder mehrere der weiteren Symptome erfüllt sein (Gesamtzahl vier oder fünf).  

Das ist die wissenschaftliche Seite.  

Ich persönlich wusste bei meiner ersten Episode nicht, was mit mir los war, da ich die obigen Kriterien nicht kannte und nichts über Depressionen wusste. Das ist mitunter ein Grund, weshalb ich mich heute so für Aufklärung in diesem Bereich einsetze. Ich schlief nicht mehr als drei Stunden pro Nacht, weinte ständig und wollte den Tag hindurch sterben vor Müdigkeit. Dazu kam eine fast unendliche Scham, weil meine Privilegien in keinem Verhältnis zu meiner Lebenssituation, bzw. meiner Lebensqualität standen und ich deshalb konstant in einem tiefen Gefühl der Undankbarkeit lebte. Ich fühlte mich absolut wertlos und ich hatte keinerlei Energie oder Strategie, dieses Gefühl wieder loszuwerden. Am Ende war ich teilweise ausserstande, morgens aufzustehen. Das Ganze lässt sich am ehesten beschreiben als bleierner Würgegriff, dem man kraftlos ausgeliefert ist.  

Wie fandest/findest du aus depressiven Episoden heraus?
Bei meiner ersten Episode (ich hatte bisher drei wirklich ausgeprägte) dauerte das ein ganzes Weilchen, weil ich, wie oben beschrieben, lange gar nicht wusste, was mit mir passiert. Ich begann, mich zurückzuziehen und mich zu verkriechen. Erst nach etwa drei Monaten und als Konsequenz meiner totalen Erschöpfung brach alles aus mir heraus, als ein Familienmitglied mir an den Kopf warf, ich hätte mich verändert und ich sei launisch und abweisend geworden. Ich brach in Tränen aus und sagte: «Das ist, weil ich nicht schlafe.» Danach ging alles relativ zügig. Ich war schon zwei Tage später zum ersten Mal beim Psychiater und bekam ein Antidepressivum, mit dessen Hilfe ich endlich wieder schlafen konnte und das nach knapp einem Monat auch seine antidepressive Wirkung zeigte und es mir endlich besser ging. Währenddessen ging ich zweimal pro Woche in die Therapie und suchte nach möglichen Ursachen meiner Erkrankung.  

Auch bei den beiden weiteren Episoden begab ich mich in psychiatrische Behandlung – einmal mit medikamentöser Unterstützung, einmal ohne. 

Kleiner Exkurs:
Ich finde es enorm wichtig, hier zu betonen, dass Antidepressiva/Psychopharmaka nicht für alle Patienten (beinhaltet auch Patientinnen) das Richtige sind, dass sie aber in vielen Fällen enorm helfen (können). Findet der Patient ohne aus seinem Loch, ist das wunderbar. Gespräche, Sport, alternative Medizin, körperliche Übungen – was hilft, das hilft. In meinem Fall waren Antidepressiva (richtig dosiert) ein Lebensretter. Jeder Patient soll hier das Mittel in Anspruch nehmen, das ihm am besten hilft. Ich lese immer wieder Tipps und Ratschläge von Menschen, die sich als Fachleute betiteln (jedoch keine sind) und selber auch gar nie betroffen waren, die jedoch gewisse Therapiemethoden kategorisch ausschliessen. Oft Psychopharmaka. Ich persönlich halte das für sehr schwierig, wenn nicht gefährlich, weil man Laien damit ein falsches Bild vermittelt. Wenn man selber keine Medikamente nehmen will, ist das völlig in Ordnung. Psychopharmaka müssen immer psychotherapeutisch/gesprächstherapeutisch begleitet und von Fachleuten verschrieben werden. Ich sage nicht, dass es unter ebendiesen keine schwarzen Schafe gibt, aber sowohl als Patientin als auch als Fachfrau habe ich kaum welche davon kennengelernt. Skepsis finde ich grundsätzlich absolut richtig, pauschale Verteufelungen von Mitteln, die durchaus sehr hilfreich sein können (gerade bei Patienten, denen es wirklich sehr schlecht geht), halte ich für problematisch. Alle Methoden sollen Platz haben.

Gab es Momente, in denen du dich umbringen wolltest?
Gedanken daran, dass es besser wäre, wenn ich nicht mehr da wäre, oder auch an die Perspektive, keinen Schmerz mehr zu fühlen/fühlen zu müssen, hatte ich durchaus. Ich habe aber nie einen tatsächlichen Plan zurechtgelegt oder mir konkrete Gedanken dazu gemacht, wie und wo ich mir das Leben nehmen würde.  

Hatten deine depressiven Episoden auch einen positiven Einfluss auf dich?  
Ich denke ja. Einerseits gebe ich heute viel mehr Acht auf mich. Ich lausche immer mal wieder in mich hinein, um sicher zu sein, dass ich nicht wieder abrutsche. Mittlerweile habe ich diese melancholische Seite an mir akzeptiert und versuche, mich selber bei der Hand zu nehmen, wenn ich traurig oder zu selbstkritisch bin. Die Zeiten extremen Selbsthasses und der Wertlosigkeit haben mich gelehrt, in guten Zeiten dankbarer für mein Leben und meine positiven Seiten zu sein. Ausserdem denke ich, dass ich ein Gespür dafür entwickelt habe, auch auf andere zu achten.  

Was kann ich tun, wenn ich das Gefühl habe, jemand in meinem Umfeld sei depressiv?
Ich glaube, das hängt vom Betroffenen und dem Schweregrad seiner Erkrankung ab. Wenn ich das Gefühl habe, eine Bekannte oder ein Freund könnte depressiv sein, beobachte ich, frage nach, markiere Präsenz. Ich frage öfter, wie’s ihnen geht, ob sie gut schlafen, mache öfter mit ihnen ab, etc. Wenn jemand schon tief in der Krise steckt, kann es sein, dass es vonnöten ist, einzugreifen, also Termine für die Person zu organisieren, ihr im Haushalt zu helfen, sie bei einem Arzt anzumelden, weil sie selber nicht mehr dazu in der Lage ist.  

Ich glaube, der Kern und auch die Quintessenz dieses Textes soll sein, dass wir achtsam(er) miteinander sein sollten. Mit unseren Liebsten, aber auch mit Fremden. Zuhören, hinschauen, nachfragen. Depressionen sind eine Krankheit, deren Grundmerkmal es  ist – entgegen der Meinung mancher Zeitgenossen – dass der Patient sich eben nicht selbst wieder heraus manövrieren kann.

Mal ein liebes Wort, mal ein bisschen weniger grob sein. So kitschig das klingt, aber das kann Leben retten.

Noch Fragen?
Für weitere Infos für Betroffene und Angehörige:
www.143.ch
www.depression.ch

Yonni Meyer

Yonni Meyer (35) schreibt als Pony M. über ihre Alltagsbeobachtungen – direkt und scharfzüngig. Tausende Fans lesen mittlerweile jeden ihrer Beiträge. Bei watson schreibt die Reiterin ohne Pony – aber nicht weniger unverblümt. 
Pony M. auf Facebook
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45 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
pachnota
11.06.2017 17:55registriert December 2015
"Mal ein liebes Wort, mal ein bisschen weniger grob sein. So kitschig das klingt, aber das kann Leben retten."
Sehr guter Text insegesammt.
Deckt sich auch mit meinen persönlichen Erfahrungen.
Danke.
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Calvin Whatison
11.06.2017 17:54registriert July 2015
Danke Yonnie Meyer. Gehe eins mit Ihnen, bis auf den letzten Satz. Es ist gar nicht kitschig, mal ein liebes, nettes Wort zu äussern, und feinfühliger zu sein. Im Bezug auf unsere oberflächliche Gesellschaft, haben sie allerdings wohl doch recht. 🍀👍🏻
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tipsi
11.06.2017 22:04registriert December 2015
Danke Yonni für deine Aufklärungsarbeit. Vermutlich kennt jeder jemanden mit einer Depression, man weiss es häufig nur nicht...
Für mich war das Antidepressivum wichtig um anfangs aus meiner Antriebslosigkeit raus zu kommen, ohne Medikamente hätte ich nicht die Energie für die Psychotherapie gehabt. Antidepressiva machen nicht automatisch glücklich und sind auch nur ein Teil der Lösung. Was es braucht ist eine Therapie, Geduld und Mitgefühl für sich selbst.
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