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epa08445646 People enjoy the warm evening at Sundspromenaden in Malmo, Sweden, 26 May 2020.  EPA/Johan Nilsson SWEDEN OUT

Wetter passt, Social Distancing nicht: Frühsommerabend in Malmö. Bild: EPA

Diese 3 Punkte zeigen, dass das «Modell Schweden» gescheitert ist

Der schwedische Sonderweg wurde von der ganzen Welt aufmerksam beobachtet. Zu Beginn schien er sich auszuzahlen, doch mittlerweile hat der Wind gedreht. Diese drei Punkte zeigen eindrücklich, warum der schwedische Weg gescheitert ist.



Schweden verzichtete als eines von sehr wenigen Ländern auf weitreichende Massnahmen im Kampf gegen das Coronavirus. So wurden Schulen und Kindergärten nicht geschlossen. Die Bürger wurden unter anderem lediglich gebeten, Abstand zu halten, sich immer wieder die Hände zu waschen und auf Reisen zu verzichten.

Was anfangs von diversen Seiten gelobt wurde, – und einige forderten den gleichen Weg für die Schweiz – scheint doch nicht zu klappen. Selbst der Epidemiologe Anders Tegnell, der die schwedische Regierung im Vorgehen gegen das Coronavirus berät und sich für den gewählten Kurs verantwortlich zeichnet, antwortete kürzlich in einem Interview auf die Frage, ob «zu viele Schweden zu früh gestorben seien», knapp: «Ja, absolut.»

State epidemiologist Anders Tegnell of the Public Health Agency of Sweden gives a daily update on the coronavirus COVID-19 situation, in Stockholm, Sweden, Wednesday June 3, 2020. Tagnell has shown some contrition as criticism has grown over the country’s approach of not locking down the country has resulted in one of the highest death rates per capita in the world.  Tegnell told Swedish radio on Wednesday that “I think there is potential for improvement in what we have done in Sweden, quite clearly.”  (Anders Wiklund / TT via AP)

Anders Tegnell gestand diese Woche ein: Der Sonderweg war nicht optimal gewählt. Bild: keystone

Weiter erklärte Tegnell, dass er den Weg so nicht mehr wählen würde:

«Wenn wir die gleiche Krankheit nochmals vor uns hätten, würden wir mit dem heutigen Wissen wohl einen Mittelweg zwischen Schweden und dem Rest der Welt wählen.»

Anders Tegnell, schwedischer Staatsepidemiologe

Schauen wir genauer hin, warum man Schwedens Sonderweg tatsächlich als gescheitert betrachten kann.

>> Coronavirus: Alle News im Liveticker

Positiv Getestete

Der WHO meldete Schweden bis am 3. Juni 38'589 Corona-Fälle. Damit liegt das Land im europäischen Vergleich an 11. Stelle.

Beim Blick auf die Fallzahlen pro 100'000 Einwohner zeigt sich aber, dass Schwedens Kurve als eine der wenigen noch steil nach oben zeigt. Italien wurde eingeholt, und auch Spanien dürften die Nordländer in den nächsten Tagen und Wochen noch überbieten.

Entwicklung der positiv Getesteten pro 100'000 Einwohner ab dem 100. Fall

Corona Data: Fälle pro 100'000 pro Land

Insgesamt weisen in Europa nur noch fünf Länder mit mehr als drei Millionen Einwohnern proportional zur Bevölkerung mehr Corona-Fälle aus als Schweden. Es sind dies:

  1. Irland: 527 Fälle
  2. Spanien: 518 Fälle
  3. Belgien: 513 Fälle
  4. Weissrussland: 476 Fälle
  5. Grossbritannien: 422 Fälle
  6. Schweden: 411 Fälle

Weltweit toppen diese Zahlen noch Kuwait (709 Fälle), Singapur (637), Chile (629), die USA (570) und Peru (556).

Tägliche neue Fälle

Auch bei den aktuellen täglichen neuen Fällen sieht die Bilanz für Schweden nicht erfreulich aus. In der letzten Woche (28. Mai bis 3. Juni) meldete das Land 3501 neue Infektionen. In der Schweiz waren es gleichzeitig lediglich 85.

Tägliche Neuansteckungen seit dem 1. April:

Corona Data: Tägliche Neuinfektionen in Schweden und der Schweiz

Die Grafik zeigt, wie die Schweiz das Virus in den letzten Wochen immer mehr eindämmen konnte, während die Infektionen in Schweden praktisch gleich blieben.

Verglichen mit den restlichen Ländern Europas meldeten nur Russland, Grossbritannien, die Türkei, Frankreich und Weissrussland mehr neue Fälle als die Skandinavier.

Und brechen wir hier die Resultate ebenfalls auf die Einwohner herunter, zeigt sich: Weissrussland liegt mit 55 neuen Infektionen pro 100'000 vor Russland mit 36 und Schweden mit 34 Fällen.

Todesfälle

Ein ganz düsteres Bild zeichnet sich bei den Zahlen zu den Corona-Toten pro Einwohner. Wie die Financial Times berechnete, liegt Schweden da seit einigen Tagen mit 4,5 schon an der Spitze in Europa.

Entwicklungen der Covid-19-Todesfälle pro Million Einwohner:

Coronavirus: Tote pro Einwohner und Land. Schweden in Europa mit höchster Zahl.

Entwicklungen der Todesfälle pro Million Einwohner. Auf der Seite der «Financial Times» lassen sich hier auch andere Länder auswählen. screenshot: financial times

Weltweit weist aktuell nur Brasilien (4,7 Tote pro Million Einwohner) eine leicht höhere Quote aus. Allerdings sind die Länder Lateinamerikas da zeitlich noch etwas zurück. Auch Peru, Mexiko und Chile beklagen eine steigende Anzahl Todesopfer.

Bei der Gesamtzahl von Covid-19-Todesfällen steht Schweden bei 4468 (Schweiz: 1660 Tote). Auch dies ein hoher Wert für ein Land mit rund 10 Millionen Einwohnern.

Runtergerechnet auf 100'000 Einwohner weist Schweden damit aktuell 46 Tote aus. In Europa mussten bisher Belgien (83), Spanien (60), Grossbritannien (60) und Italien (57) mehr verzeichnen. Allerdings gilt insbesondere zu beachten, dass Belgien im Gegensatz zu anderen Ländern dem Coronavirus aufgrund unterschiedlicher Zählmethoden mehr Tote zurechnet.

Die zehn Länder mit den meisten Covid-19-Toten pro 100'000 Einwohner:

Bild

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186 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
Gurgelhals
04.06.2020 17:27registriert May 2015
«Wenn wir die gleiche Krankheit nochmals vor uns hätten, würden wir mit dem heutigen Wissen wohl einen Mittelweg zwischen Schweden und dem Rest der Welt wählen.»
In anderen Worten: das Schweizer Modell? 😎
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Atavar
04.06.2020 17:31registriert March 2020
Gemessen an den Todesfällen ist das "Modell Schweden" gescheitert.
Ich begrüsse unsere (moderaten) Massnahmen. Auch, weil ich nur sehr geringe Einschränkungen gespürt habe.
Ein Fazit bereits jetzt zu ziehen mutet tendenziös an. Schliesslich ist mindestens noch offen:
- ob es eine weitere Welle gibt (und wie die jeweils einschlägt)
- weitere Konsequenzen (sozial, ökonomisch, gesundheitlich) in den kommenden Jahren auftauchen
Ökonomisch gesehen hat Schwedens weg ohnehin nur begrenzt sinn gemacht (Exportmärkte "geschlossen"). Auch mit ausgeglichener Aussenhandelsbilanz (+1,85 Mia $ 2019).
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Magnum
04.06.2020 18:11registriert February 2015
Ein Mittelweg zwischen Schweden und dem Rest der Welt, Herr Tegnell? Dieser «Rest der Welt» unterscheidet sich bei den Massnahmen bezüglich Covid-19 sehr stark. Tegnell nutzt hier die rhetorische Masche «wir gegen den Rest der Welt», was der Sache weder angemessen noch dienlich ist.
Ein Mittelweg zwischen Schweden und Ländern mit strengen Ausgangssperren wie Südafrika oder Indien wäre dann wohl - die Schweiz?
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