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FILE-In this Dec. 19, 2018 file photo Schalke boss Clemens Toennies smells steaming coal on a trolley beside the pitch prior the Bundesliga soccer match between FC Schalke 04 and Bayer Leverkusen in Gelsenkirchen, Germany. Schalke chairman Clemens Tönnies has resisted calls to resign and will instead step down for three months over comments he made last week that were widely condemned as racist. (AP Photo/Martin Meissner)

Clemens Tönnies schnuppert an Kohle während eines Bundesliga-Spiels seines FC Schalke 04. Bild: AP

Clemens Tönnies: Gründer eines Fleisch-Imperiums und krisenerprobter Alleinherrscher

Die Corona-Fälle im eigenen Unternehmen sind nur die bisher letzte in einer Reihe diverser schlechter Nachrichten für Clemens Tönnies. Dabei sind dem Milliardär kleinere und grössere Krisen nicht fremd. Ein Portrait. 

David Digili / t-online



Ein Artikel von

T-Online

Im Fussball gehört er zur aussterbenden Art, ja, er ist fast nicht mehr existent: Der Alleinherrscher über einen Verein, der schalten und walten kann, wie er will, der gerne mal wahlweise aus dem Bauch Entscheidungen trifft oder aus der Hüfte schiesst und mit sich selbst dabei komplett im Reinen scheint.

Dass er dabei öfter im Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit steht als sein Verein, nimmt der Alleinherrscher mindestens billigend in Kauf. Gerhard Mayer-Vorfelder war der bekannteste Vertreter dieser Art, der 2015 verstorbene CDU-Politiker war 25 Jahre lang Präsident seines VfB Stuttgart, und das Besitzpronomen ist hier im wahrsten Sinne des Wortes zu verstehen. Daneben war er zeitweise unter anderem baden-württembergischer Finanzminister, später – von 2001 bis 2006 – sogar noch DFB-Präsident, zwei Jahre davon in einer Doppelspitze mit Theo Zwanziger.

Doch «MV» war auch immer durch diverse Verfehlungen in den Schlagzeilen. Mal sorgte Mayer-Vorfelder mit mindestens grenzwertigen Aussagen für Diskussionen, dann wieder mit Steuerskandalen. Die «Süddeutsche Zeitung» nannte ihn mal «Affären-Profi».

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Einzug bei Schalke für den verstorbenen Bruder

Und in gewisser Weise ist Clemens Tönnies dann doch ein weiterer dieser aussterbenden Art. Der Mittwoch endete für den 64-Jährigen mit einem weiteren Tiefschlag: Die 1:2-Niederlage seines FC Schalke 04 im Bundesligaspiel bei Eintracht Frankfurt verschlimmerte die ohnehin schon schlimme Krise der Königsblauen, die seit nunmehr 14 Bundesligaspielen auf einen Sieg warten und den eigenen Negativrekord weiter ausbauen.

Dabei hätte der Vorstandschef des Revierklubs positive Nachrichten gebrauchen können an diesem Tag – denn zuvor musste der Unternehmer bereits in seinem Hauptberuf einstecken. Über 1500 Mitarbeiter in Tönnies‘ Schlachtbetrieb in Rheda-Wiedenbrück – immerhin der grösste in Deutschland – sind positiv auf Corona getestet worden, die Arbeit dort wurde nun bis auf Weiteres ausgesetzt. Vorwürfe unzureichender Arbeitsbedingungen für Arbeitsmigranten aus Osteuropa und mutmassliches Lohndumping miteingeschlossen.

Wer ist dieser stets so akkurat frisierte Milliardär, dessen Unternehmen jedes Jahr 17 Millionen Schweine schlachtet? Kritik war Tönnies nie fremd. Seit 1994 engagiert er sich beim traditionsreichen Bundesligaklub, der auch durch eigenes Zutun nie so richtig zur Ruhe zu kommen scheint. Bruder Bernd war kurz zuvor nach einer Nierentransplantation gestorben, erst im Februar des Jahres hatte ihn die Mitgliederversammlung des Klubs zum Präsidenten gewählt. Bernd hatte 1971 auch das Fleisch-Imperium gegründet, von ihm übernimmt Clemens nicht nur die Leitung über die Firma, sondern auch die Rolle im Fussballverein – als persönliches Versprechen, am Sterbebett gegeben. Dazu sagt er einmal, er sei eigentlich kein Mann für die erste Reihe.

«Herr Putin mag die Eisbeine gern gepökelt»

Dafür aber fühlt er sich über die Jahre in seiner Rolle immer wohler. Er knüpft Verbindungen zur Politik, ist vorne dabei, als S04 um die Jahrtausendwende mehrfach um die deutsche Meisterschaft mitspielt. Tönnies trägt auch für die emotionale Fan-Basis explosive Entscheidungen mit: 2006 kanzelt er den langjährigen Manager Rudi Assauer mit den Worten «Unser Rudi ist doch in jedes Fettnäpfchen getappt» ab, kurz darauf tritt Assauer, der Schalke immer als sein Projekt sah, der das neue Stadion mit auf den Weg brachte und den Verein mit geschickten Transfers zum Spitzenklub formte, zurück.

Ein Jahr später fädelt Tönnies den lukrativen Sponsorendeal mit dem russischen Milliardenkonzern Gazprom ein, freundet sich mit Russlands Staatschef Wladimir Putin an. Er gratuliert dem Politiker zu Wahlsiegen, bei jedem Treffen im Kreml gibt es ein kleines Geschenk aus eigener Herstellung: «Herr Putin mag die Eisbeine gern gepökelt», sagt Tönnies mal zur Männerfreundschaft.

Während der Klub über die Jahre zwischen Bundesligaspitze und Mittelmass hin- und herpendelt, tut sich dem Familienvater auf Unternehmensseite ein Konflikt auf: Mit Neffe Robert Tönnies entbrennt 2014 ein ebenso erbitterter wie bizarrer Streit um Anteile am Unternehmen, das nach Bernd Tönnies‘ Tod beide zu 50 Prozent halten. 2017 einigen sich beide Seiten in einem umständlich formulierten Papier, die Kräfteverhältnisse bleiben bestehen.

Ende 2019 klagt Robert erneut, dieses Mal wegen unzureichender Informationen über ein Investitionsgeschäft. Auch hier wird in letzter Sekunde die Auseinandersetzung geklärt. Aktuell versucht der 41-Jährige weiter, den Verkauf des Unternehmens zu forcieren – gegen den sich Clemens Tönnies weiter wehrt. Und: Er fordert im Zuge der Corona-Fälle im Betrieb den Rücktritt seines Onkels .

Seine schnelle Rückkehr auf Schalke sorgt für Stirnrunzeln

Schon 2016 verurteilt das Bundeskartellamt zwei Tochterfirmen wegen erwiesener Preisabsprachen zu einer Strafe von 128 Millionen Euro – die dann aber nicht eingetrieben werden können, weil die betroffenen Betriebe zuvor bereits liquidiert wurden. Das Bundeskabinett verabschiedet infolge dessen eine Gesetznovelle, um diesen Ausweg künftig zu verbauen.

Letzten August empört der Klubchef, als er beim Tag des Handwerks in Paderborn für den Bau von Kraftwerken in Afrika plädiert – mit dem Hinweis: «Dann hören die auf, die Bäume zu fällen, und sie hören auf, wenn’s dunkel ist, wenn wir die nämlich elektrifizieren, Kinder zu produzieren.» Für seinen verbalen Querschläger in heiterem Rassismus steckt Tönnies von allen Seiten Kritik ein, in deren Folge er sein Amt bei Schalke niederlegt – für drei Monate. Die «Strafe» legt er sich selbst auf, seine schnelle Rückkehr in die Öffentlichkeit sorgt dann ebenfalls für Stirnrunzeln.

Die Debatte damals habe ihn «schwer getroffen», sagt er im Januar 2020 bei «Sky». «Nicht, weil ich etwas Falsches gesagt habe, sondern, weil es falsch aufgefasst wurde. Man hat mich falsch verstanden.» Schuldbewusstsein? Fehlanzeige. Auch zu den aktuellen Corona-Fällen im eigenen Betrieb ist ein Eingeständnis bisher ausgeblieben.

Wie bei einem dieser Fussball-Alleinherrscher, dieser aussterbenden Art. Oder eben: Ein «Affären-Profi», zu dem auch dieser Clemens Tönnies geworden zu sein scheint.

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