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Das Gelage in Iowa, das über den Präsidenten entscheiden kann

Wer Donald Trump bei den nächsten Wahlen schlagen will, muss sich auf einer Fressmesse in Iowa beweisen. Es ist das seltsamste Politikspektakel der USA. Wir waren dabei.

Fabian Reinbold, des moines / t-online



Ein Artikel von

T-Online
Democratic presidential candidate former Vice President Joe Biden speaks at the Des Moines Register Soapbox during a visit to the Iowa State Fair, Thursday, Aug. 8, 2019, in Des Moines, Iowa. (AP Photo/Charlie Neibergall)
Joe Biden

Bild: AP

Die Frau, die sich beste Chancen ausrechnet, Donald Trump aus dem Weissen Haus zu werfen, posaunt ihre wichtigste Botschaft als allererstes raus. «Ich will ein Schweinekotelett!», ruft Kamala Harris. Als Anhängerin rustikaler Kost ist die Senatorin aus Kalifornien, in deren Stimmbezirk eher Veganes hoch im Kurs steht, bislang nicht aufgefallen. Zudem ist es auch gerade erst zehn Uhr morgens.

Doch die Uhren ticken anders, wenn sich all jene Demokraten, die Trump als Präsident herausfordern wollen, unter das Wahlvolk im Bundesstaat Iowa mischen. Es läuft die «Iowa State Fair», eine alljährliche, grosse Landwirtschaftsshow im Mittleren Westen der USA – und das vielleicht seltsamste Politikerereignis, das die an Verrücktheiten nicht arme US-Politik zu bieten hat.

Denn die State Fair ist zweierlei: Sie ist ein riesiges Fressgelage, wo bei den Besuchern das gewinnt, was besonders gross oder besonders dick frittiert ist. Hot Dogs, Kirschkuchen, alles wird zur Freude der Gäste noch einmal der Fritteuse zugeführt. Zum anderen kann dieses Fest mit darüber entscheiden, wen die Demokraten gegen Trump aufstellen. Hier werden womöglich schon Weichen dafür gestellt, ob es bei vier Jahren Trump bleiben oder die Trump-Show die Welt noch länger in Atem halten wird.

Ein altes Amerika ohne Reue

Democratic presidential candidate former Vice President Joe Biden speaks at the Presidential Gun Sense Forum, Saturday, Aug. 10, 2019, in Des Moines, Iowa. (AP Photo/Charlie Neibergall)
Joe Biden

Bild: AP

So viele Demokraten wie noch nie wollen Präsidentschaftskandidat werden; und sie touren in diesen Tagen durch Iowa. Sie alle tauchen in die rustikale Parallelwelt aus Truthahnschenkeln, Schweineschau und Bacon-Eiskreme ab. Hier gibt es noch ein altes Amerika zu bestaunen, in dem Fleisch und Fett ohne Anflug von Reue verspeist werden. Wohl auch deshalb tut die Kalifornierin Harris lautstark ihren Appetit auf ein bodenständiges Schweinekotelett kund.

Alle vier Jahre wird das Fest nebenbei zum Politspektakel.

Vom ehemaligen Vize-Präsidenten Joe Biden , der in den Umfragen vorn liegt, über die Mitfavoriten Kamala Harris, Bernie Sanders, Elizabeth Warren , bis hin zu jenen, die in Meinungsfragen am Rande der Messbarkeit abschneiden. Sie alle bekommen beim Jahrmarkt 20 Minuten auf der sogenannten «Seifenkiste», einer kleinen Bühne mit ein paar Strohballen – und müssen Fragen der Fleischfreunde beantworten.

Joe Biden und eine Kuh aus 600 Pfund Butter

Viele Kandidaten halten dort energiegeladene Vorträge, wie sie das Land wieder auf die richtige Spur bringen wollen. Manche präsentieren sich als Macher, die auch Stimmen von Republikanern eintreiben können, andere werben für den grundlegenden Umbau der Wirtschaft. Joe Biden verurteilt in Polohemd und Sonnenbrille vor allem Trumps Schandtaten.

Es ist ein skurriles Nebeneinander. Einerseits sind «Corn Dogs» – Würstchen, die erst in Maisrührteig und dann in Fett getaucht werden –  sowie eine aus 600 Pfund Butter modellierte Kuh die Stars dieses zehntägigen Fests. Andererseits Biden, Harris und Warren.

Warum ist Iowa so wichtig? Der Staat hält traditionell als allererster die parteiinternen Vorwahlen ab – wer Iowa gewinnt, dessen Chancen auf den Sieg steigen exponentiell. Im kommenden Februar wird es wieder soweit sein. 2008 etwa schlug hier der Aussenseiter Barack Obama die favorisierte Hillary Clinton, der Rest ist Geschichte.

epa07767225 US Senator and Democratic presidential candidate Elizabeth Warren speaks while on the Des Moines Register Political Soapbox at the Iowa State Fair in Des Moines, Iowa, USA, 10 August 2019.  EPA/ELIJAH NOUVELAGE

Elisabeth Warren in Des Moines Bild: EPA

Deshalb bekommt der landwirtschaftlich geprägte, dünn besiedelte Staat die höchste Aufmerksamkeit der Präsidentschaftskandidaten, schon lange vor den Wahlterminen.

Das geht so weit, dass etwa am vergangenen Freitagabend alle Kandidaten in die Kleinstadt Clear Lake, zwei Stunden nördlich der Hauptstadt Des Moines und der State Fair reisten, um dortigen Ortsverbänden die Aufwartung zu machen. Sie alle schickten im sonst so ruhigen Clear Lake ihre lautstarken Unterstützer auf die Strassen und konnten fünf Minuten versuchen, die gut 1'500 Gäste von sich zu überzeugen.

Dort, aber noch mehr bei der State Fair, müssen sie alle eines um jeden Preis vermeiden – wie ein abgehobener Berufspolitiker, der keinen Bezug zur US-Provinz hat, zu wirken.

Eine Belehrung – kommt gar nicht gut an

Denn die Iowans sind moderat und erdverwachsen. Da kann es auch nach hinten losgehen. Mitt Romney etwa, der gescheiterte Obama-Herausforderer der Republikaner, belehrte vor acht Jahren bei seinem Auftritt auf der Messe einen Besucher von der «Seifenkisten»-Bühne aus in Sachen Besteuerung von Unternehmen. Kam gar nicht gut an. 

In Iowa ist man mächtig stolz auf die Rolle bei der Auswahl der Präsidentschaftskandidaten. Eine der wichtigsten Demokratinnen im Staat, die frühere Parteichefin Sue Dvorsky, erklärt es so: «Wir übernehmen eine Aufgabe, die das ganze Land von uns erwartet: Wir klopfen die Kandidaten auf ihre Tauglichkeit ab.»

Viele Bürger nehmen die Aufgabe sehr ernst. Man trifft auf dem Volksfest neben jenen, die wegen der Corn Dogs kommen, auch viele, die viel Zeit vor der «Seifenkisten»-Bühne verbringen.

Es sind Wählerinnen wie Ann Connors. Die Zahnärztin aus dem zwei Autostunden entfernten Iowa City steht schon vor der Bühne, als am Donnerstagmittag die ersten Kandidaten sprechen.

epa07769109 US Senator and Democratic presidential candidate Bernie Sanders (R) speaks on the Des Moines Register Political Soapbox at the Iowa State Fair in Des Moines, Iowa, USA, 11 August 2019.  EPA/ELIJAH NOUVELAGE

Bernie Sanders Bild: EPA

Sie jubelt, als der erste Redner – der Gouverneur Montanas und krasse Aussenseiter Steve Bullock – regelrecht schreit, er könne die Industriestaaten von Trump zurückerobern. Connors hört anschliessend ergriffen Biden zu, der an den Anstand der Bürger appelliert. Zwei Tage später steht sie mit einem Kamala-Harris-Button wieder vor der Bühne. «Die ist auch sehr gut», sagt sie.

Connors wählt meist die Demokraten, doch manchmal auch Republikaner. Momentan ist Biden noch ihr Favorit für die Wahl im November 2020. Sie sagt: «Die Nation braucht jemanden, der uns trösten, heilen, zusammenführen kann.»

Aber sie wird sich das Feld weiter genau anschauen – sie weiss, dass sie als Bürgerin im mächtigen Iowa die Bewerber noch oft zu Gesicht bekommen wird. «Am Ende werde ich jeden Kandidaten unterstützten, den die Demokraten aufstellen.»

Jetzt will sie erst einmal zu den Fressbuden. «Richtig ungesund», lacht sie, «wären nur vier weitere Jahre Donald Trump.»

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    Alle Leser-Kommentare
  • lilie 17.08.2019 14:35
    Highlight Highlight Irgendwie schräg. Vielleicht würde es den Amis mehr liegen, wenn die Kandidaten im Armdrücken gegeneinander antreten würden. Das wäre jedenfalls ehrlich, anstatt so zu tun, als ginge es um Inhalte... 😓
  • RicoH 17.08.2019 12:47
    Highlight Highlight Dieser ganze Politzirkus mutet etwas merkwürdig an.

    Ich habe oftmals den Eindruck, dass manche Politiker bereit dazu sind, sich dabei zum Affen machen, um ein paar weitere Stimmen zu bekommen.

    Na ja, andere Länder, andere Sitten.
  • Arneis 17.08.2019 12:36
    Highlight Highlight Feel the Bern.
    • EndeGelände 17.08.2019 17:09
      Highlight Highlight lieber nicht!
  • snowleppard 17.08.2019 07:01
    Highlight Highlight Der Bernie Sanders ist sooo alt, dass er die Wahl kaum noch erleben wird. Das soll das? Der soll seine letzten Jahre geniessen.
    • bebby 17.08.2019 08:14
      Highlight Highlight Trump ist auch 73 Jahre alt und macht locker noch eine zweite Amtszeit. Diese 4 Jahre Unterschied machen nicht viel aus. Papst Benedikt war übrigens bereits 78 bei seiner Wahl und hatte noch genügend Energie für ein paar Jahre.
      Ich sehe schon snowleppard ist noch ziemlich jung :-)
    • alessandro 17.08.2019 08:16
      Highlight Highlight Bernie kämpft seit 40 Jahren für dieselben Punkte. Er war noch nie so nahe an einem "Durchbruch" und du willst ihm Ruhestand anraten...

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