Schweiz
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Personen mit und ohne Schutzmasken bei der Spitalgasse waehrend der Corona-Krise, am Samstag, 24. Oktober 2020, in Bern. Der Regierungsrat hat am Freitag eine Reihe von Verboten beschlossen, die ab Mitternacht fuer vier Wochen in Kraft treten: oeffentliche und private Veranstaltungen von mehr als 15 Personen sind verboten, fuer die Gastronomie gilt eine Sperrstunde von 23 Uhr bis 6 Uhr. Schliessen muessen zudem Bars, Clubs und Discos sowie oeffentlich zug

Am Samstag waren in der Berner Innenstadt unzählige Menschen unterwegs, mit und ohne Maske. Bild: keystone

Analyse

Schluss mit Hüst und Hott? Die Schweiz folgt dem schwedischen Weg

Die Coronazahlen in der Schweiz steigen rasant. Statt einer klaren Linie dominieren Kakofonie und ein Auf und Ab bei den Massnahmen. Noch lässt sich ein zweiter Lockdown vermeiden, aber die Zeit wird knapp.



Die Schweiz im Corona-Herbst 2020: Das ist eine Wohnmobil-Ausstellung in Bern mit 7000 Besuchern pro Tag, die erst gestoppt wird, nachdem der Kanton eine Art Mikro-Lockdown beschliesst. Das ist ein 50-Jahr-Jubiläumsfest im Shoppi Tivoli in Spreitenbach (AG), das aus dem Ruder läuft, als eine Mega-Tischbombe mit Rabatt-Losen gezündet wird.

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Man kennt diese Beispiele, sie wurden in den letzten Tag genug durch den Kakao gezogen. Aber auch sonst scheinen viele Menschen weiterhin im lockeren Sommer-Modus zu leben. Das zeigte etwa ein Augenschein am Samstagabend auf der Zürcher Langstrasse. Noch ein wenig feiern und bechern, bevor womöglich der Hammer fällt.

Die Schweiz ist Corona-müde. Diese Einstellung hilft nicht unbedingt den Skeptikern, sie führt eher zu einem gewissen Fatalismus («It is what it is»). Dabei zeigen so ziemlich alle Indikatoren in die falsche Richtung. Die Schweiz wird vom Vorbild zum Schlusslicht in Europa, nicht nur bei den Fallzahlen, sondern auch bei dem Hospitalisationen.

Zahl der Patienten verdoppelt

Das Problem spitzt sich vorab in den ländlichen Regionen zu, wo man Covid-19 nie besonders ernst genommen hat. Es ist kein Zufall, dass am Sonntag gerade Appenzell Ausserrhoden und Schwyz eine Verschärfung der Corona-Massnahmen beschlossen haben. Doch auch in Kantonen wie Zürich ist die Lage in den Spitälern zunehmend angespannt.

Die Direktorin des Spitals Zollikerberg sagte am Sonntag dem SRF-Regionaljournal, man habe bereits neun Covid-Patienten aufgenommen, mehr als während der ersten Welle. Es habe in den letzten Tagen «ziemlich deutlich zugenommen». Allein seit dem letzten Mittwoch habe sich die Zahl der Patienten im gesamten Kanton Zürich von 80 auf 160 verdoppelt.

In der ganzen Schweiz wurden über das Wochenende 259 Personen hospitalisiert. Die Zusammenarbeit zwischen den Spitälern funktioniert erheblich besser als im Frühjahr, und das Personal hat bei der Betreuung der Covid-Patienten viel dazu gelernt. So werden sie nicht mehr so rasch ans Beatmungsgerät angeschlossen wie zu Beginn der Pandemie.

Corona-Hotspot Wallis: So erleben die Leute in Brig den Mini-Lockdown

Video: watson/jah / amü

Dennoch graut es Ärzten und Pflegekräften vor den nächsten Tagen und Wochen. Letztere sind ohnehin das schwächste Glied in der Kette des Schweizer Gesundheitswesens. Sie haben keine mächtige Lobby wie die Ärzteschaft oder die Pharmabranche, die ihre Pfründe eisern verteidigen. Also wird oft in der Pflege gespart.

Zürich liegt nicht ganz falsch

Keine Hilfe ist auch die Kakofonie aus der Politik. Es ist nachvollziehbar, dass die Kantone stärker in der Pflicht sind als während der ersten Welle. Damals war die Deutschschweiz viel weniger stark betroffen als Romandie und Tessin, weshalb es sinnvoll ist, dass die Kantone differenzierte Massnahmen ergreifen. In der Praxis aber führt dies zu einem Wildwuchs.

In der kleinräumigen Schweiz ist die Bevölkerung damit schnell überfordert. Die Zürcher Regierung bekam am letzten Freitag Prügel, weil sie keine weiteren Massnahmen beschliessen und lieber auf den Bundesrat warten wollte. Ganz falsch aber liegt sie nicht. Will man das Volk mitnehmen, braucht es eine gewisse Einheitlichkeit bei den Regeln.

Slowdown statt Lockdown

Also gilt es zu warten, bis der Bundesrat am Mittwoch seine neuesten Entscheide bekannt gibt. Gesundheitsminister Alain Berset liess am Montag in Lausanne durchblicken, dass nicht mit einer Radikalkur zu rechnen ist. Also kein Mini-Lockdown, sondern ein Slowdown, etwa mit einer Ausweitung der Maskenpflicht und einem strikteren Versammlungsverbot.

Bundesrat Alain Berset, vorne, und Rebecca Ruiz, Staatsraetin des Kantons Waadt, kommen aus einem Lift, vor einer Medienkonferenz zur aktuellen Situation um den Coronavirus, nach einem Besuch im Universitaetsspital Lausanne, am Montag, 26. Oktober 2020 in Lausanne. (KEYSTONE/Peter Klaunzer)

Alain Berset am Montag im Universitätsspital Lausanne. Bild: keystone

Für Eishockey- und Fussballklubs könnte die Herrlichkeit mit Tausenden Zuschauern nach knapp einem Monat bereits vorbei sein. Die Spielpläne in beiden Meisterschaften drohen nach diversen Coronafällen ohnehin aus den Fugen zu geraten. Die Zulassung von Grossveranstaltungen erweist sich zunehmend als Schildbürgerstreich.

Tourismus für harte Massnahmen

Sie ist aber typisch, denn seit dem Ende des ersten Lockdowns haben wirtschaftliche Erwägungen Vorrang. «Ein weiterer Lockdown der Schweizer Wirtschaft muss zwingend verhindert werden», betonte der Arbeitgeberverband in einem Montag versandten «Flash». Gleichzeitig appellierte er an die Arbeitnehmer, die Schutzkonzepte einzuhalten.

Langsam wird es auch den Wirtschaftsvertretern «gschmuch». Und zumindest eine Branche hätte wohl nichts gegen einen temporären Shutdown: der Tourismus. Der stark von ausländischen Gästen abhängige Kanton Wallis geht bislang am weitesten hat und einen eigentlichen Teil-Lockdown verfügt. Es geht dabei auch, aber nicht nur um die Spitäler.

Man bangt um das Wintergeschäft. «Die Fallzahlen müssen runter, und zwar bis zum Saisonstart», sagte Jürg Schmid, der ehemalige Chef von Schweiz Tourismus und heutige Präsident von Graubünden Ferien, den Tamedia-Zeitungen. Die Touristiker haben vermutlich das Beispiel Israel vor Augen, wo der zweite Lockdown die Kurve rasch nach unten drückte.

Schweden wird zum Vorbild

Erhört werden sie am Mittwoch kaum. Die Schweiz folgt zunehmend dem schwedischen Modell. Nur dass die Skandinavier ihre (wenigen) Einschränkungen auch im Sommer durchgezogen hatten. Dazu gehört etwa das Verbot von Veranstaltungen mit mehr als 50 Teilnehmern. Eine geplante Erhöhung auf 500 Personen wurde im September gecancelt.

People pass a trash can with a sign reading

«Die Gefahr ist nicht vorbei: Haltet Abstand»: Diese Aufforderung scheint in Schweden ziemlich gut befolgt zu werden. Bild: keystone

Der ziemlich geradlinige Kurs in Kombination mit einem in Skandinavien stark verwurzelten Gemeinsinn – der offenbar besser funktioniert als unsere bis zum Überdruss beschworene Eigenverantwortung – hat dazu geführt, dass Schweden trotz seines relativ «liberalen» Modells glimpflich durch die Pandemie gekommen ist (nur beim Schutz der Senioren hat man im Frühling versagt).

Im restlichen Europa dominiert hingegen ein Hüst und Hott, und die Schweiz spielt auch in diesem Bereich eine unrühmliche Spitzenrolle. Die Zulassung von Grossveranstaltungen hat man im Ausland mit etwas Bewunderung und viel Unverständnis verfolgt. Mal wird gelockert, dann wieder verschärft. Das schafft kein Vertrauen und trägt zur Corona-Müdigkeit bei.

Dieses Problem zumindest scheint der Bundesrat verstanden zu haben. «Was wir jetzt vorbereiten, wird für ziemlich lange bleiben müssen», erklärte Alain Berset am Montag. Es fragt sich nur, ob diese Erkenntnis nicht zu spät kommt. Die Gefahr besteht, dass wir in einen zweiten Lockdown hinein taumeln, den nun wirklich niemand will.

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