Schweiz
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Visitors arrive on the reopening day of the Uffizi museum, in Florence, Italy, Wednesday, June 3, 2020. The Uffizi museum reopened to the public after over two months of closure due to coronavirus restrictions. (AP Photo/Andrew Medichini)

Besucher der Uffizien in Florenz lesen die Anweisungen in Corona-Zeiten. Bild: keystone

Ich war in Florenz und München. Mulmig wurde es mir erst bei der Heimkehr

Wird man zur «Virenschleuder», wenn man ins Ausland reist? Ich war letzte Woche in Italien und Deutschland. Und hatte den Eindruck, dass man die Corona-Gefahr ernster nimmt als bei uns.



Für einen Moment war mir nicht mehr ganz wohl in meiner Haut. «Kantonsärzte warnen: Reisende kehren mit dem Virus zurück», titelte der «Tages-Anzeiger» am letzten Donnerstag in grossen Lettern auf der Frontseite. Die Reisenden seien zuvor in «europäischen Ländern mit hoher Virusaktivität» unterwegs gewesen, sagte der Zuger Kantonsarzt Rudolf Hauri.

Infiziert hätten sich die Personen nach der Grenzöffnung vom 15. Juni, bei dem die Schweiz den Grenzverkehr mit sämtlichen Schengen-Staaten wieder zuliess, hiess es weiter. War ich somit eine «Virenschleuder»? Denn die Story las ich in einem Hotel in München. Zuvor hatte ich mich in Florenz aufgehalten, im Corona-geplagten Italien.

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Der Autor unterwegs im Frecciarossa von Mailand nach Florenz. bild: peter blunschi

Den Auftakt zu meiner zweiwöchigen Auszeit verbrachte ich im Wallis und befolgte brav die Bundesrat-Maurer-Parole «Machen Sie Ferien in der Schweiz!». Dann aber zog es mich nach Florenz. Zu verlockend war die Aussicht, die geschichtsträchtige Toskana-Metropole und ihre Kulturschätze für einmal ohne Massentourismus zu erleben, quasi für mich allein.

Das «Survival Kit» im Zug

Meine erste Erfahrung in dieser Hinsicht vor rund 20 Jahren war schockierend. Ich wollte spontan einen Tag in Florenz verbringen und fand eine Altstadt, die vollgestopft war mit Touris, und das im Mai, also nicht einmal zur Hauptreisezeit. Die Chance, den Palazzo Vecchio oder die Uffizien zu besuchen, war gleich null. Nun wollte ich das nachholen.

Ganz unbesorgt reiste ich nicht nach Italien, obwohl die Toskana weit glimpflicher durch die Coronapandemie gekommen ist als die Lombardei. Doch Italien ist ein versehrtes Land. Im Frecciarossa von Mailand nach Florenz erhalten die Reisenden eine Papiertüte, in der sich unter anderem ein «Survival Kit» mit Gesichtsmaske, Desinfektionsgel und Handschuhen befindet.

Im Zug waren nur zwei Sitze pro Viererabteil belegt. Natürlich besteht Maskenpflicht, in sämtlichen Innenräumen. In der Gelateria beim Dom wurde ich freundlich, aber bestimmt ermahnt, die «Mascherina» zu tragen. Desinfektionsmittel gibt es überall, ebenso Fiebermessungen am Eingang zu den Sehenswürdigkeiten. Nur mit weniger als 37,5 Grad kommt man rein, auch in eine Freiluft-Anlage wie den Boboli-Garten.

Piazzale Michelangelo Florenz

Auf dem Piazzale Michelangelo mit dem spektakulären Blick auf die Altstadt hat es kaum Touristen. Bild: Peter Blunschi

Wie strikt das gehandhabt wird, ist eine andere Frage. Aber unsicher habe ich mich nie gefühlt. Selbst auf der Strasse tragen viele die «Mascherina», obwohl das nur bei fehlender Distanz Pflicht ist. Ausländische Touristen gab es tatsächlich kaum. In guten Restaurants erhielt ich mühelos und ohne Reservierung einen Tisch und zum Abschluss einen Grappa oder Limoncello offeriert.

Freude über jeden, der kommt

Die Florentiner freuen sich über jeden, der kommt. Denn Normalität herrscht noch lange nicht, obwohl auch Einheimische die Chance nutzen, die Stadt zu sehen, ohne dass ihnen Amis, Chinesen oder Deutsche auf die Füsse trampeln. Aber viele Hotels, Restaurants oder Läden bleiben geschlossen. Und am späten Abend war die Stadt nur am Samstag belebt.

In München, wo ich im Anschluss zwei Tage verbrachte, sieht es anders aus. Fast alles ist geöffnet. In der Fussgängerzone im Zentrum herrscht Betrieb wie in der guten alten Zeit. Gleiches gilt für die Biergärten, wo am Abend die Masskrüge in grosser Zahl gehoben und geleert werden. Allerdings muss man die Kontaktdaten angeben, wie in allen Lokalen, in denen man etwas konsumiert.

Frappante Sorglosigkeit

Man kann sich auch in München fragen, wie ehrlich die Angaben sind. Aber Bayern ist von der Pandemie so hart getroffen worden wie kein anderes deutsches Bundesland. Nirgends war der Lockdown strikter. Und nach wie vor herrscht Maskenpflicht. Beim Betreten der Unterführung im Hauptbahnhof heisst es deutsch und deutlich «Mund und Nase bedecken!».

epa08426713 An empty benches and tables at the Hirschgarten beergarden in Munich, Bavaria, Germany, 16 May 2020. To slow down the spread of the coronavirus CovID 19 pandemic, beer gardens and restaurant had to remain closed until next Monday. Under strict hygiene measures they are now allowed to open again.  EPA/LUKAS BARTH-TUTTAS

Eindeutige Aufforderung im Münchner Hirschgarten. Bild: EPA

Bei der Rückkehr nach Zürich sieht man im Hauptbahnhof kaum bedeckte Münder und Nasen. Eine ähnliches Bild ergab sich bei der Heimreise aus Florenz beim Umsteigen in Lugano. Diese «Corona? War da was?»-Sorglosigkeit ist frappant, gerade im Tessin, wo man es besser wissen müsste. Dabei haben sich die Alarmsignale zuletzt gehäuft.

Wenige Infektionen in Italien

Am vorletzten Sonntag vermeldete das Bundesamt für Gesundheit (BAG) 35 neue Corona-Fälle. Das waren einige mehr als an den vorherigen Wochenenden. Gleichzeitig las ich in «La Repubblica», dass die Toskana den zweiten Tag in Folge keinen Covid-19-Todesfall verzeichnet hatte. Die Zahl der Infektionen in Italien ist weiterhin rückläufig.

Matthias Egger, der Leiter der bundesrätlichen Covid-19-Taskforce, kritisierte in sämtlichen Sonntagsmedien das aus seiner Sicht zu forsche Lockerungstempo. In den folgenden Tagen häuften sich die Forderungen nach einer Maskenpflicht zumindest im öffentlichen Verkehr. Auch die Epidemiologin Olivia Keiser sprach sich im watson-Interview dafür aus.

Funktioniert die App?

Am folgenden Sonntag waren es 62 Fälle. Ausserdem wurde das Superspreader-Debakel in einem Zürcher Club publik. Und das Debakel mit den gefakten Mailadressen. Es ist ein weiterer Ausdruck der hiesigen Corona-Ignoranz. Wobei die fällige Quarantäne ein Rohrkrepierer ist. Niemand überprüft, ob sie eingehalten wird. Man setzt auf «Eigenverantwortung».

Warum die SwissCovid-App ohne GPS-Ortung funktioniert

Video: sda

Gleiches gilt für die hoch gelobte SwissCovid-App. Sie funktioniert nur, wenn möglichst alle, die positiv getestet werden, den dabei erhaltenen Code in der App eingeben. Nach den Erfahrungen mit dem Maskentragen und den Kontaktdaten habe ich die allergrössten Zweifel, dass dies konsequent erfolgen wird. In diesem Fall aber macht die App wenig Sinn.

Die Schweiz setzt auf Freiwilligkeit, Italien und Deutschland auf Zwang. Das mag unschön sein, ist aber vermutlich effizienter. In Deutschland hat man die Corona-Lage trotz des Massenausbruchs bei Skandalmetzger Tönnies weitgehend im Griff. Und die Warnung der Kantonsärzte bezog sich auf Serbien und andere Balkanländer.

Nach der Rückkehr aus Florenz und München frage ich mich, ob ich in der Schweiz in einem sicheren Land bin. Ich bin mir nicht sicher.

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