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Berni Schär ist die letzte grosse Radio-Stimme der Schweizer Sport- und Medienwelt. bild: screenshot srf

Interview

Kult-Reporter Berni Schär: «Ich werde von Roger Federer nicht zum Geburtstag eingeladen»

Eine unverwechselbare Stimme und im Tennis und Skisport kompetent und beinahe allwissend wie einst der Briefkasten-Onkel: Bernhard Schär ist der vielleicht letzte echte Radiomann der alten Schule. In einem Jahr geht er in Pension. Ein Gespräch nicht nur über Roger Federer.

klaus zaugg, bruno wüthrich



Am 9. Juni 1924 spielen die Schweizer im Final des olympischen Fussballturniers, das damals den Stellenwert eines WM-Endspiels hat, in Paris gegen Uruguay. Sie verlieren 0:3. Diese Partie wird per Radio direkt aus Paris in die Zürcher Tonhalle übertragen. Es ist unsere erste Radiodirektübertragung.

Die Radio-Sportreporter werden so berühmt wie die Sportler: Von Vico Rigassi bis Sepp Renggli. Der letzte dieser Gilde, der letzte wahre Radio-Sportmann ist Bernhard Schär. Mit seiner unverwechselbaren Stimme prägt er sei 30 Jahren unsere Sport- und Medienwelt und ist ein Teil der Karriere von Roger Federer.

Kann es sein, dass Roger Federer und Sie gemeinsam den Rücktritt geplant haben?
Bernhard Schär:
Wann Roger Federer zurücktreten wird, weiss noch niemand, nicht einmal er selbst. Mein Rücktritt ist hingegen offiziell bekannt: Ich werde Ende April 2021 pensioniert. Dann bin ich 65.

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Berni Schär ist die berühmteste Sportstimme der Schweiz. bild: srf

Sie arbeiten seit über 30 Jahren für das Radio.
Das stimmt. In meinem Leben gab es nur zwei Arbeitgeber. Während 34 Jahren das Radio und vorher war ich zehn Jahre Lehrer in Wiedlisbach. Diese Stelle hatte ich bereits während meines Studiums. Bei der Abschlussprüfung war ich deshalb doppelt nervös: Denn was würde sein, wenn ich die Prüfung nicht bestehe? Es ging dann alles gut.

Zur Person

Bernhard Schär, geboren am 17. April 1956, wuchs in Herzogenbuchsee auf und besuchte da auch die Grundschule, wechselte danach aber ans Gymnasium Langenthal, bevor er an der Universität Bern Mathematik und Geographie studierte. «Ich schrieb zwar gerne Aufsätze, aber Germanistik zu studieren, wäre für mich nicht in Frage gekommen.» Auch Latein war nicht unbedingt sein Ding. Doch nachdem ihm die schriftliche Prüfung gründlich missraten war, rettete er sich mit dem Auswendiglernen von lateinischen Zitaten für die mündliche Prüfung doch noch zu einer genügenden Gesamtnote.

«Börni» war auf den Tag genau 10 Jahre lang Mittelschullehrer (Phil II), bevor er ab dem 1. Februar 1991 definitiv zum Radio wechselte, für welches er bereits zuvor nebenamtlich tätig war (SRF-Regionaljournal Bern-Fribourg-Wallis). Er ist damit wohl der einzige noch aktive Radioreporter, der nie für ein Lokalradio tätig war, sondern gleich beim staatlichen Sender einstieg. «Ich war mit Leib und Seele Lehrer, und wechselte nicht etwa aus Frustration, sondern obwohl mir der Beruf sehr gut gefiel als Sportredaktor zum Radio.» Im Militär bekleidete Schär den Rang eines Hauptmanns. Er ist verheiratet mit Ursula und Vater eines Sohnes (18).

Haben Sie mit Roger Federer über Rücktritt gesprochen?
Nein! Dafür ist auch noch nicht die Zeit. Roger Federer ist nach wie vor hoch motiviert, das Tennis bereitet ihm immer noch grossen Spass und er hat eine positive Lebenseinstellung. Er freut sich nach wie vor auf jedes Turnier und er hat den Support seiner Frau und seiner ganzen Familie.

Sie begleiten Roger Federer als Radiojournalist seit Anbeginn seiner Karriere rund um die Welt. Sind Sie mit ihm befreundet?
Das kommt darauf an, was Sie darunter verstehen. Ich habe ganz einfach das Glück, als Radiomann mit ihm Interviews führen zu können. Ich kann mich nicht verstecken und ein wenig zuhören, wenn andere mit ihm sprechen, sondern ich spreche selbst von Angesicht zu Angesicht mit ihm. So kommt man beruflich in einen guten Kontakt. Dass da im Laufe von 20 Jahren ein gutes professionelles Verhältnis entsteht, ist logisch. Aber Freundschaft? Nein. Wenn Sie meinen, ich werde von Roger Federer zu Geburtstagsfeiern eingeladen oder ich stehe regelmässig in privatem Kontakt mit ihm, dann irren Sie sich. Alle meine Kontakte laufen über die offiziellen Wege. Ich rufe ihn nicht privat an und bitte ihn um einen Gefallen. Ich denke, auch er weiss diese professionelle Distanz zu schätzen.

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SRF-DOK über Bernhard Schär. Video: YouTube/SRF DOK

Aber Sie verstehen sich gut mit seinem Vater?
Das stimmt. Ich habe einen guten Draht zu seinen Eltern. Ich bin sehr beeindruckt, wie sie ihren Sohn erzogen haben, wie sie hinter ihm stehen und sich trotzdem nicht in seine Karriere einmischen.

Erinnern Sie sich noch an Ihr erstes Interview mit Roger Federer?
Ja, das war 1998 im Rahmen des Fed-Cup-Finals zwischen der Schweiz und Spanien in Genf. Für die Schweiz spielten Martina Hingis, Patty Schnyder und Emmanuelle Gagliardi. Roger Federer sass mit Ivo Heuberger vor meiner Reporterkabine. Er hatte gerade das Junioren-Turnier in Wimbledon gewonnen und wurde noch in diesem Jahr die Weltnummer 1 der Junioren. Er kam für ein Interview zu mir in die Reporterkabine und ich war beeindruckt, wie er bereits mit 17 Jahren zuhören konnte und welch gute Antworten mit Substanz er bereits damals gab. Mir war sofort klar, dass aus ihm etwas werden würde.

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Wo Roger Federer ist, ist Berni Schär meist auch nicht weit. bild: twitter

Dürfen wir sagen, dass Sie danach gemeinsam gewachsen sind?
Das dürfen Sie. Ich hatte halt eine gute Nase. Als ich neu fest angestellt beim Radio war, hatten wir im Februar 1991 eine Sitzung des Sportteams und ich war neben Bruno Galliker, Peter Hotz und Fredy Hunkeler der Jüngste am Tisch. Es ging um die Verteilung der Sportarten. Die Frage war: Wer macht Tennis? Als Jüngster schwieg ich vorerst. Aber als niemand das Tennisressort haben wollte, hob ich die Hand.

Weshalb?
Ich spielte selbst Tennis und hatte in der Dreilindenhalle zu Langenthal miterlebt, wie eine gewisse Martina Hingis ihr erstes ITF-Turnier gewann.

Oh, dann haben Sie also zwei grosse Tenniskarrieren hautnah miterlebt.
Das stimmt. Nachdem ich Martina bei diesem Turnier gesehen hatte, war ich mir sicher: Das ist ein riesiges Talent. Sie muss einfach gut werden. Ich durfte dann ihre Karriere miterleben. Ich war dabei, als sie die jüngste Weltnummer 1 der Geschichte wurde. Sie hat mir die grosse Tenniswelt eröffnet. Sie war der erste globale Sportstar der Schweiz. Roger Federer kam erst danach.

Die Karriere von Martina Hingis:

Ist man sich der Bedeutung dieser beiden Sportstars in der Schweiz etwas zu wenig bewusst?
Wir wurden durch die beiden sehr verwöhnt. Bis Roger Federer kam, war die beste Leistung eines Schweizers der Halbfinal von Marc Rosset beim French Open von 1996. Ein einziger Halbfinal! Roger Federer hat bis heute 45 Mal bei einem Grand Slam Turnier den Halbfinal erreicht, davon 23 Mal in Serie. Wenn er einmal vor dem Halbfinal verliert, dann rümpfen wir die Nase. Das mag die Dimensionen seiner Karriere zeigen. Ich hatte das Glück, seine Entwicklung und seine ganze bisherige Karriere als Journalist miterleben zu dürfen.

Dank Ihrer Entscheidung, im richtigen Moment die Hand zu heben.
So ist es. Das war 1991. Und jetzt im Jahre 2020 rede ich immer noch über Tennis und Roger Federer. Das Erstaunliche ist, dass er immer noch ein Grand Slam Turnier gewinnen kann. Wer hätte das gedacht?

Wie sind Sie zum Ski-Ressort gekommen? Haben Sie auch da im richtigen Augenblick während einer Sitzung die Hand gehoben?
Nein, da war es anders. Mit dem Skisport hatte ich mich schon beschäftigt, als ich 1988 noch als freier Mitarbeiter bei den Regionaljournals Bern-Fribourg-Wallis und Aargau-Solothurn war. Ich war dort alternierend für den Sport zuständig und am Lauberhorn und in Adelboden dabei, um Beiträge zu machen. Ich war mit dem Skisport also bereits vertraut und so war ich 1991 bei der schon erwähnten Sitzung zusammen mit Fredy Hunkeler für das Skiressort gesetzt.

Die besagte Sitzung wurde jetzt bereits verschiedentlich erwähnt. Sie müssen aber bereits vorher beim Radio gewesen sein.
Da haben Sie recht. Eigentlich verdanke ich meine Festanstellung beim Radio den beiden russischen Eishockeystars Andrej Chomutow und Slawa Bykow.

Jean Martinet, Mitte, Praesident des Eishockeyclubs HC Fribourg-Gotteron, mit den zwei Russen im Club Slawa Bykow, rechts, und Andrei Chomutow, links, aufgenommen im Oktober 1990. (KEYSTONE/Str)

Gottéron-Präsident Jean Martinet 1990 mit den Neuverpflichtungen Bykow und Chomutow. Bild: KEYSTONE

Als die beiden in die Schweiz kamen, war dies für unser Eishockey von höchster Bedeutung.
So ist es. Und ich war wohl der erste Journalist, der bei den beiden in Marly zu Hause war. Das war noch in der Zeit, als ich noch Lehrer war. Damals arbeitete ich nebenamtlich als freier Mitarbeiter für das Regionaljournal Bern-Fribourg-Wallis. Der damalige Präsident des HC Fribourg-Gottéron, der inzwischen leider verstorbene Jean Martinet ermöglichte mir den Hausbesuch bei den beiden.

Für einen freien Mitarbeiter war dies zweifellos ein beachtlicher Coup.
So wurde es wohl auch empfunden. Als am Vormittag um 10 Uhr alle Ressorts telefonisch miteinander verbunden waren und wir uns darüber austauschten, welche Themen man bearbeiten wollte, boten wir von unserem Regionaljournal Chomutow und Bykow an. Der damalige Radio-Sportchef Urs Leutert (er wurde Später TV-Sportchef – Anm. d. Red.) meinte dann, da sei einer aber gehörig am «wirbeln». Dies sei doch ein Thema von nationaler, und nicht bloss von regionaler Bedeutung. Als Mäni Weber 1991 das Sportressort verliess, rief mich Urs Leutert an und bot mir eine 100-Prozent-Stelle beim Radio an.

Urs Leutert, Leiter SF Sport, informiert die Medien am Mittwoch, 16. Juli 2008 in Zuerich. Das Schweizer Fernsehen berichtet vom 8. bis zum 24. August ausfuehrlich von den Olympischen Sommerspielen in Peking. (KEYSTONE/Alessandro Della Bella)

Urs Leutert war von Berni Schär begeistert. Bild: KEYSTONE

Sie kündigten dann Ihre sichere Lehrerstelle?
Ja, und dies, obwohl ich sehr gerne Lehrer war. Ich kam sehr gut mit meinen Schülern aus und fühlte mich im Oberaargau sehr wohl – eine Region, in der ich ja heute noch verwurzelt bin.

Nachfolger des legendären Mäni Weber zu werden, war aber schon eine grosse Herausforderung.
Ja, und es hätte ja sein können, dass es nach einem oder zwei Jahren bereits vorbei ist. Aber ich blieb eigentlich ganz locker. Wenn es nicht geklappt hätte, wäre ich halt wohl wieder Lehrer geworden. Für mich war auch wichtig, dass ich die Chance bekam, über Olympische Spiele zu berichten. Das wäre beim Regionaljournal nicht möglich gewesen. Dafür musste ich beim Radio eine Vollzeitstelle haben. Nun werde ich im kommenden Sommer zum 16. Mal bei Olympischen Spielen dabei sein.

Welches waren Ihre ersten Spiele?
1992 in Albertville. Ach, das waren noch Zeiten. Damals fuhr ich mit meinem klapprigen BMW noch selbst nach Albertville und nahm meine Akkreditierung selbst in Empfang. Und weil ich mich zwei Wochen zuvor verliebt hatte, nahm ich meine neue Freundin einfach mit. Ich sagte mir: Wenn ich jetzt zwei Wochen wegfahre, wird nichts aus dieser Liebe. Also beantragte ich aus eigener Initiative für meine neue Freundin vor Ort eine Akkreditierung und prompt bekam ich sie und so sass mein neuer Schatz neben mir in der Reporterkabine und hielt meine Hand, als ich über Gusti Weders Bob-Goldmedaille berichtete. Inzwischen sind wir seit 27 Jahren glücklich verheiratet. Doch heute wäre ein derartiges Vorgehen undenkbar.

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Berni Schär und Ehefrau Ursula sind seit fast 30 Jahren ein Paar. bild: screenshot srf

Gusti Weder hat damals die Ehre der Schweiz gerettet.
Ja, die Schweiz hat 1992 nur eine einzige Goldmedaille geholt – und ich durfte über die Goldfahrt von Gusti Weder berichten. Dabei hatte ich noch einmal Glück: Gusti Weder weigerte sich, nach dem ersten Tag (Bobwettkämpfe umfassen vier Läufe an zwei Tagen – Anm. d. Red.) Interviews zu geben. Das wollte ich nicht akzeptieren und schaffte es, in der olympischen Unterkunft bis zu seiner Zimmertüre vorzudringen – was heute gänzlich unmöglich wäre. Ich klopfte an die Türe, Gusti machte auf, verstand die Welt nicht mehr, sagte aber, ich solle halt hereinkommen. Er hatte die Kufen seines Bobs mit ihm im Zimmer. Die Legierung der Kufen ist das bestgehütete Geheimnis der Bobfahrer und deshalb nimmt jeder seine Kufen über Nacht zu sich. Und so machte ich in seinem Zimmer mein Interview und spielte es nachher auch meinen Journalistenkollegen Peter Hegetschwiler vom «Tages-Anzeiger» und Hans Hug von der Sportinformation vor, den beiden damaligen Doyens im Bobsport. Der Hans hat dann eine Geschichte über den verrückten Radiomann geschrieben, der es bis ins Zimmer unseres Goldpiloten geschafft hatte. Die Spiele von 1992 sind einmalig geblieben, das war genial.

Nach dem Gewinn der Bronzemedaille im Viererbob der olympischen Winterspielen in Albertville im Februar 1992 wird Gustav Weder, Steuermann des Schweizer Bobteams, von seinen Fans gefeiert und von seiner Freundin gekuesst. Ausserdem gewinnt Weder mit Donat Acklin im Zweierbob Gold. (KEYSTONE/Karl Mathis)

Das Siegerküsschen für Weder nach seinem Olympia-Triumph. Bild: KEYSTONE

Wenn wir uns richtig erinnern, haben Sie damals auch an Ihre Mutter gedacht?
Ja, das stimmt. Meine Mutter interessierte sich neben Sport auch für die Royals. Prinz Albert von Monaco nahm damals als Bobpilot an den Spielen teil. Als Jüngster unseres Reporterteams hatte ich mich um Bob zu kümmern. Da kam mir der Gedanke, dass meine Mutter sicherlich Freude hätte, wenn ihr Sohn mit dem Prinzen ein Interview machen würde. Nach jeder Fahrt stiegen die Piloten vor unserer Kommentatorenkabine aus ihren Bobs und stiegen zu Fuss wieder zum Start hinauf. Lediglich die Gefährte wurden hochgezogen. Ich versuchte mich also an den Prinzen anzuhängen, doch dieser war von einer Traube Bodyguards umringt. Irgendwie schien er aber zu spüren, dass der da hinter ihm mit dem 15 Kilo schweren Tonbandgerät offenbar etwas von ihm wollte. Er drehte sich um, und die Traube öffnete sich. Ich durfte herantreten und dem Prinzen ein paar Fragen stellen. Auch dies wäre heute völlig unmöglich.

Haben Sie nie eine Karriere im Fernsehen oder als Chef angestrebt?
Nein. Mein Interesse gilt dem Journalismus, dem Kontakt mit Athletinnen und Athleten, dem Schildern von Emotionen, dem Erleben. Dort sein, wo der Puls des Sportes schlägt. Wäre ich Chef geworden, wäre davon wahrscheinlich zu viel verloren gegangen. Ich bin zudem kein Konzeptmensch, der ich ja als Chef sein müsste. Ich bin nach wie vor mit der gleichen Leidenschaft Sportjournalist wie am ersten Tag.

Sie sind ein Morgenmensch. Wann stehen Sie auf?
Wenn ich Frühdienst habe, zwischen 3.00 und 4.00 Uhr. Spätestens um 4.30 Uhr bin ich im Studio.

Und wann gehen Sie schlafen?
Zwischen acht und neun.

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Berni Schär wünscht Beat Feuz vor der Lauberhorn-Abfahrt in Wengen in aller Herrgottsfrüh viel Glück. bild: screenshot srf

Morgenstund hat Gold im Mund.
So ist es und für mich perfekt. Ich habe das Frühaufstehen offensichtlich in meiner DNA. Schon mit sieben Jahren habe ich zu Hause das Frühstück bereitet, die Tassen, die Butter und die Konfitüre hervorgeholt. Ich bin halt wirklich ein Morgenmensch.

Dann bereiten Sie Ihrer Frau seit 27 Jahren das Frühstück zu?
Nein, leider nicht. Wenn ich Frühdienst habe, dann können wir nicht zusammen «zmörgele». Ich muss zu früh weg.

Sportjournalismus ist Ihre Leidenschaft. Noch ein gutes Jahr und Sie können nach Ihrer Pensionierung dieser Leidenschaft nicht mehr nachgehen.
Ich bin darauf vorbereitet. Ich warte ja nicht bis zum 30. April 2021 und dann ist Schluss. Ich habe mich mit dieser Situation schon vor fünf, sechs Jahren beschäftigt. Ich will bis 65 Radiomann bleiben und als das in die Geschichte eingehen.

Sie haben eine unverwechselbare Stimme und heben sich klar ab von der Beliebigkeit, die heute vorherrscht. Eigentlich ist jeder austauschbar – aber Sie nicht.
Schön, wie Sie das sagen. Aber um auf Ihre ursprüngliche Frage zurückzukommen: Ich habe Vorstellungen für die Zeit nach meiner Pensionierung. Ich bin nicht nur ein leidenschaftlicher Berufsmann, ich bin auch ein Genussmensch und ich freue mich darauf, mehr Ferien machen zu können und beispielsweise in den Süden zu reisen. Ich habe oft das Bedürfnis, im Winter an die Wärme zu gehen, ich ziehe mir gerne kurze Hosen an. Ich habe als Lehrer zehn Jahre lang Trekking-Touren in Island und im Jemen geleitet.

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Berni Schär: Einmal Radio, immer Radio. bild: screenshot srf

Sie sind also noch voller Pläne.
Es ist auch nicht ausgeschlossen, dass ich noch einmal Trekkingtouren machen werde. Eines meiner Spezialgebiete als Geographielehrer war Island. So kam ich zu diesen Touren. Zehn Mal habe ich Touren für wohlhabende Leute organisiert, die mal etwas anderes als Komfort und Wohlstand wollten, kein Hotel wünschten, aber im Zelt schlafen und die Zähne in Flusswasser putzen wollten. Ich kenne viele spezielle Orte und wir waren unter anderem dort, wo die NASA erste Tests mit der Mondlandefähre gemacht hatten. So etwas könnte ich nach meiner Pensionierung mit Freunden machen.

Oder mit reichen Leuten wie den Federers?
Wohl eher mit meinen Freunden. Ich bin sehr an fremden Ländern, Sprachen und Sitten interessiert. Es gibt so viele faszinierende Landschaften, die ich noch nicht gesehen habe. Und es gibt noch etwas: Ich hatte nun 34 Jahre lang mit jungen, gesunden, starken Menschen zu tun. Aber es gibt ja auf dieser Welt auch viele Menschen, die es schwerer haben. Ich will auch etwas für jene tun, die es nicht so gut haben. Beispielsweise durch ein Engagement beim Transport für behinderte oder alte Menschen.

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In Basel kriegt Schär immer mal wieder das Privileg eines Einzelinterviews mit Federer. bild: twitter

Eines erstaunt uns: Die Eitelkeit treibt viele Ihrer Berufskollegen vor die TV-Kamera. Sind Sie nicht eitel?
Doch. Eitelkeit braucht der Mensch. Dann pflegt er sich und legt Wert auf seine Erscheinung. Das gehört zu einem gediegenen Menschen. Aber ich habe immer gewusst, wo meine Stärken sind: im Reden und in der Spontanität. Radio ist und bleibt eines der faszinierendsten Medien: Es ist schnell, spontan, aktuell und unkompliziert. Als Radiomann arbeite ich selbständig und autonom. Ich brauche keine Kameras. Diese Freiheit fasziniert mich bis heute. Beim Radio fühle ich mich wohl, Radio kann ich. Das zu tun, was einem liegt und seine Stärken ausspielen zu können, gibt Ruhe im Leben. Keiner von uns kann 24 Stunden gefordert werden, sonst fällt man um. Man braucht auch Zeit um atmen und runterfahren.

Also kein Stress beim Radio.
Es gibt stressige Situationen. Aber ich bin nicht überfordert.

Wo sind Sie nicht so stark?
Was mich nicht liegt, ist das Erarbeiten von Konzepten, das dann dazu führt, dass man sich darin versteift. Ich brauchte Emotionen und bin zudem kein Archivmensch.

Moment mal: Sie sind doch ein Archivmensch. Es gibt wahrscheinlich keinen Sportjournalisten, der so viele Daten auswendig hersagen kann wie Sie.
Ich habe zwar Statistiken, von Hand geschrieben, damit sie nicht verloren gehen und unabhängig von Strom und Kälte und Hitze benutzbar sind, in einem Ordner. Das ist mein mathematisches Flair, ich mache fast alles auswendig. Aber hinter jeder Zahl sehe ich eine Athletin oder einen Athleten. Die 1,12 Sekunden Vorsprung, als Mike von Grünigen 1997 Weltmeister wurde, das ist ein Bild, das ich nie mehr vergessen werde. Zahlen kann man nur behalten, wenn man das Bild des Menschen im Kopf hat.

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Die Goldfahrt von Michael von Grünigen 1997 in Sestriere. Video: streamable

Was werden Sie tun, wenn 2021 in Wimbledon gespielt wird und Sie erstmals nach mehr als 30 Jahren nicht mehr dabei sein können?
Das ist eine gute Frage. Ich stelle mir vor, dass ich am Samstag der ersten Woche mit meinem Zelt anreise, auf dem Golfplatz in der Nähe des Center Courts übernachte, um am Morgen des Achtelfinaltags rechtzeitig in der Schlange zu stehen, um mir schliesslich um 11.00 Uhr ein Ticket zu erstehen und danach ein paar Meter hinter Roger Federer dem Spiel zuzuschauen.

Oder Sie rufen Papa Federer an und er organisiert für Sie ein VIP-Ticket.
Ich wäre wohl nicht der Einzige und zudem wäre es der Weg des geringsten Wiederstandes und somit weniger sexy. Das wäre ja fast wie eine Akkreditierung und damit das Gleiche wie all die Jahre vorher. Der Reiz ist ein Abenteuer. Erdulden und erleben, wie es ist, stundenlang anzustehen und dann als Lohn für die Geduld eines der 200 Tickets in der Hand zu halten.

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Schär fachsimpelt in Wimbledon mit Papa Federer. bild: screenshot srf

Und Ihre Frau wird dabei sein?
Ja natürlich, vorausgesetzt, dass wir beide noch gesund sind.

Sie können Ihr Abenteuer dann ja medial umsetzen.
Wer weiss, vielleicht macht jemand ein Interview mit mir oder ich erlebe den Rücktritt von Roger Federer. Das weiss niemand.

Eigentlich kann Roger Federer ja nur in Wimbledon zurücktreten. Nur diese «heilige Stätte des Tennis» ist seines Rücktrittes würdig.
Wimbledon, als Mekka des Rasentennis, wäre auf jeden Fall ein würdiger Ort, das sehe ich auch so. Aber Roger Federer ist ein globaler Star und ist überall auf der Welt beliebt. Ich bin überzeugt, dass er für seinen Rücktritt den richtigen Zeitpunkt und den aus seiner Sicht richtigen Ort wählen wird.

Und wir können auch sagen, dass Roger Federer nicht zurücktritt, weil der Bernie Schär nicht mehr über ihn berichtet.
Ja, das können wir sagen.

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Berni Schär erzählt Roger-Federer-Witze. Video: YouTube/SRF 3

Und wie ist es mit dem Lauberhorn? Fahren Sie die Strecke runter?
Nein, nicht mehr. Ich überschätze mich nicht und weiss um die Limiten im Alter. Heute gehe ich mit meiner Frau Ursula in ein Hotel und wir fahren ganz gemütlich Ski.

Was wäre aus Ihnen geworden, wenn Sie damals bei der Sitzung 1991 bei der Vergabe des Tennisressorts nicht die Hand gehoben hätten?
Das ist eine gute Frage und das habe ich mir auch schon überlegt. Ich wäre wahrscheinlich im Fussball oder Hockey gelandet. Auf Fussball und Hockey zu verzichten war der Preis, den ich zahlen musste. Das sind ja zwei Hauptsportarten. Dann wäre ich wohl mehrere Male zu einer Fussball- oder Hockey-WM gereist oder vielleicht wäre ich gar nicht mehr beim Radio.

Ihr Sohn Jonas ist U18-Schweizermeister im Tennis. Ist er der nächste Roger Federer?
Eine solche Aussage werden Sie von mir nicht hören. Sie wäre zu leichtfertig. Fakt ist: Jonas besucht zurzeit das Gymnasium in Aarau und bereitet sich auf die Maturitätsprüfung vor. Für regelmässige Turniere im Ausland – wie es bei einer Profikarriere nötig ist – bleibt im Moment zu wenig Zeit. Jonas macht aber weiterhin stetig Fortschritte und hat nach wie vor riesige Freude am Tennis und trainiert jeden Tag und ist als C-Kader Spieler von Swiss Tennis auch regelmässig im nationalen Leistungszentrum in Biel. Ob er nach der Matura in ein Tenniscollege in die USA wechselt oder für eine gewisse Zeit voll auf das Tennis setzt, steht noch in den Sternen. Bereichernd ist, dass wir im Tennis zusammen als Familie immer wieder viel Schönes und viele unvergessliche Momente erleben.

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