Sport
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
epa08627618 Novak Djokovic of Serbia celebrates defeating Jan-Lennard Struff of Germany during their quarter-finals match at the Western and Southern Open at the USTA National Tennis Center in Flushing Meadows, New York, USA, 26 August 2020. Due to the Coronavirus pandemic, the tournament was relocated to NYC to immediately precede the US Open and to be played without fans.  EPA/JASON SZENES

Novak Djokovic jubelt auch nach der Corona-Pause – er ist in diesem Jahr noch ungeschlagen. Bild: keystone

Novak Djokovics schwierige Situation: Er kann nur verlieren – selbst dann, wenn er gewinnt

In Abwesenheit von Titelverteidiger Rafael Nadal, Roger Federer und Stan Wawrinka strebt Novak Djokovic bei den US Open seinen 18. Grand-Slam-Titel an. Er hat in New York viel zu verlieren – und fast nichts zu gewinnen.

Simon Häring / CH Media



Auf dem Platz hat Novak Djokovic in diesem Jahr noch nie verloren. Seine letzte Niederlage datiert vom 14. November 2019 gegen Roger Federer. Neben dem Platz hingegen hat Djokovic viele Sympathien verspielt und ist der grosse Verlierer der Zeit, in der nicht Tennis gespielt worden ist.

Es begann mit der Adria-Tour, einer Turnierserie in vier Balkanstaaten, die abgebrochen werden musste, nachdem zahlreiche Zuschauer und Spieler sich mit dem Coronavirus angesteckt hatten, unter ihnen Djokovic selber und seine Frau. Mit einem Schuldeingeständnis tut sich der 33-Jährige bis heute schwer. Kritik stellte er unter den Generalverdacht der Xenophobie, indem er sagte, sie komme «vor allem aus dem Westen». Er sei das Opfer einer Hexenjagd. Jüngst bekräftigte er: «Wenn ich die Gelegenheit hätte, die Adria-Tour noch einmal zu machen, würde ich es wieder tun.»

Niemand zweifelt an Novak Djokovics guter Absicht, und doch stellt sich die Frage, wie es ein Kosmopolit, ein umsichtiger Mensch, der neben dem Platz warmherzig und charmant ist, schaffen konnte, in so kurzer Zeit und mit solcher Regelmässigkeit für Kopfschütteln zu sorgen. Er sprach sich gegen eine Impfung aus, als er schrieb: «Ich persönlich bin dagegen. Ich möchte nicht, dass mich jemand zwingt, einen Impfstoff einzunehmen, um reisen zu können.» Selbst in seiner Heimat Serbien erntete er für diese Äusserung Kritik, vom obersten Epidemiologen des Landes.

Dann musste sich Djokovic auch noch rechtfertigen, weil er die damals noch geltende Ausgangssperre in Spanien gebrochen haben soll. Er hatte in der Nähe von Marbella, wo er zeitweise wohnt, unter freiem Himmel Tennisbälle geschlagen – und das gleich selber dokumentiert.

Instagram-Gespräche mit einem Alchemisten

Djokovic wirkte wie einer, der die Bodenhaftung verloren hatte, als er nicht mehr im Scheinwerferlicht stand. Er suchte Halt im Übersinnlichen. Zwei Mal zeigte er sich seinen Anhängern mit dem Iraner Chervin Jafarieh, seinen «Bruder einer anderen Mutter», der sich als Alchemist bezeichnet.

Jafarieh dozierte, wie es möglich sei, die molekulare Struktur von Wasser allein durch die Kraft der Gedanken zu verändern. Aus bösem Wasser wird gutes Wasser. Djokovic nickte andächtig. Es folgte ein einstündiger Dialog, der für Djokovic und Jafarieh im spirituellen Delirium endete. Seine Mutter Dijana sagte, Djokovic fühle sich von Gott auserwählt. Der sei es auch, der ihrem Sohn geholfen habe, im Sommer 2019 im Wimbledon-Final Roger Federer zu bezwingen, nachdem er zwei Matchbälle abgewehrt hatte.

Näher an der Lebensrealität seiner Berufskollegen ist das Hin und Her um die Teilnahme bei den US Open. Erst sagte Djokovic, es sei inakzeptabel, nur von einem Betreuer begleitet zu werden. Am 13. August bestätigte er in einem einseitigen Statement voller Pathos seine Teilnahme. Es sei eine schwierige Entscheidung gewesen. Neun Tage später sagte er: «Meine Entscheidung habe ich vor Monaten getroffen.» Für seine Konkurrenten muss das wie ein Schlag ins Gesicht gewesen sein.

Djokovic ist auch einer von nur acht Spielern, die nicht im Hotel, oder einer Suite auf der Anlage logieren, sondern in einer privaten, kostspieligen Unterkunft. Das ist sein gutes Recht. Zu sagen, seine Kollegen hätten sich auch dafür entscheiden können, zeugt allerdings nicht unbedingt von grosser Empathie.

Unerreichte mentale Stärke

Novak Djokovic ist der beste Tennisspieler der Gegenwart, vielleicht der Geschichte. Weil er selbst dann gewinnt, wenn sich die ganze Welt gegen ihn verschworen hat. Weil er immer auch Tennis spielt, wie er als Kind im kriegsversehrten Kopaonik aufgewachsen ist – wie ein Kämpfer, ein Gladiator, im ständigen Krisen-Modus, beharrlich, unerbittlich, und mit Ausdauer.

Seine mentale Stärke ist unerreicht. Nirgendwo wurde das offenkundiger als im Wimbledon-Final 2019. Das Publikum hatte sich Roger Federer als Sieger gewünscht. Es hatte ihn angetrieben bis zum letzten Ballwechsel. Djokovic hatte später gesagt, er habe die Roger-Roger-Rufe in seinem Kopf in Novak-Novak-Rufe umgedeutet. So denkt einer, der auf einer Mission ist. Der Mission, Geschichte zu schreiben.

epa07717321 Novak Djokovic of Serbia (L) with the championship trophy after defeating Roger Federer of Switzerland (R) in the men's final of the Wimbledon Championships at the All England Lawn Tennis Club, in London, Britain, 14 July 2019. EPA/NIC BOTHMA EDITORIAL USE ONLY/NO COMMERCIAL SALES

Im Wimbledon-Final 2019 setzte sich Djokovic nach einer spektakulären Wende gegen Roger Federer durch. Bild: EPA

Ihn interessiert es nur, der Beste zu sein – der Beste der Gegenwart, der Beste der Epoche, der Beste, der je ein Tennis gespielt hat. Im Sommer 2019 sagte er: «Ich habe genug erreicht, um von einem Moment auf den anderen aufzuhören. Doch ich tue es aus zwei Gründen nicht: Erstens macht es mir Spass, und zweitens möchte ich Geschichte schreiben. Ich möchte so viele Grand-Slam-Titel holen wie möglich, und ich möchte auch den Rekord für die meisten Wochen an der Spitze der Weltrangliste.» Beide Bestwerte hält derzeit noch Roger Federer, der 20 Grand-Slam-Titel auf sich vereinigt und die Weltrangliste während 310 Wochen anführte.

Wenn Novak Djokovic auf dem Tennisplatz steht, dann hat er immer zwei Gegner: jenen auf der anderen Seite des Netzes, und die Geschichte. In New York kommt ein dritter hinzu: der lange Schatten der Abwesenden.

Bei den US Open kann Djokovic nur verlieren – selbst dann, wenn er gewinnt. Weil es ein Sieg mit Fussnote wäre. Weil mit Titelverteidiger Rafael Nadal, Roger Federer und Stan Wawrinka, der ihn in zwei Grand-Slam-Finals bezwungen hat, seine stärksten Gegner fehlen. Eingang in die Geschichtsbücher fände aber auch dieser Triumph – trotz Fussnote.

DANKE FÜR DIE ♥

Da du bis hierhin gescrollt hast, gehen wir davon aus, dass dir unser journalistisches Angebot gefällt. Wie du vielleicht weisst, haben wir uns kürzlich entschieden, bei watson keine Login-Pflicht einzuführen. Auch Bezahlschranken wird es bei uns keine geben. Wir möchten möglichst keine Hürden für den Zugang zu watson schaffen, weil wir glauben, es sollten sich in einer Demokratie alle jederzeit und einfach mit Informationen versorgen können. Falls du uns dennoch mit einem kleinen Betrag unterstützen willst, dann tu das doch hier.

Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen?

(Du wirst zu stripe.com (umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)

Oder unterstütze uns mit deinem Wunschbetrag per Banküberweisung.

Nicht mehr anzeigen

Alle Weltnummern 1 im Männertennis

Grand-Slam-Titel nach Alter

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

33 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
TheNormalGuy
30.08.2020 08:50registriert September 2017
Der wird auf alle Fälle spielen. Gar keine Frage. Er braucht diesen Titel schon nur um irgendwann an Roger vorbeizukommen. Seine vergangenen Aussagen beachtend geht es nur darum der Grösste zu werden.
Was er dabei aber vergisst ist, dass er obwohl die meisten Titel haben wird, er niemals besser als Roger oder Rafa sein wird. Dafür ist er in seiner Person viel zu egoistisch und zu unreif.
Und ja, blitzt mich ruhig, ist mir völlig egal.
43388
Melden
Zum Kommentar
bokl
30.08.2020 09:19registriert February 2014
Djokovics Problem ist, dass man sich die Liebe und den Respekt des Publikums nicht erkämpfen kann.
Selbst wenn er Rafa und Roger in allen Statistiken überholt, wird er enttäuscht feststellen, dass er "nur" der erfolgreichste Spieler sein wird.
27456
Melden
Zum Kommentar
amRhein
30.08.2020 07:59registriert March 2016
Er muss selbst wissen, was er tut. Seine Matches werde ich nicht mehr sehen – wo er am TV spielt oder auftaucht, werde ich umschalten.
28884
Melden
Zum Kommentar
33

Wie Federer und Nadal reagierten, als sie den Djokovic-Ausraster sahen

Dass Novak Djokovic beim US Open disqualifiziert wurde, haben auch die abwesenden Roger Federer und Rafael Nadal mitbekommen. Die beiden waren gerade zusammen unterwegs, als sie von der Nachricht erfahren haben – zu unserem Glück war auch eine Kamera dabei.

Artikel lesen
Link zum Artikel