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Ich stottere. Und diesen Artikel wollte ich schon lange mal schreiben

Heute ist Welttag des Stotterns. Wie wichtig dieser Tag für manche Leute ist, zeigt die Geschichte unseres watson-Korrektors. Seit er vier Jahre alt ist, stottert er. Dieser Artikel ist für ihn eine Befreiung – und ein Mutmacher für alle Stotterer.

Raphael Bühlmann
Raphael Bühlmann



Ich stottere. Noch vor ein paar Jahren hätte ich mich nicht getraut, das zu sagen oder so öffentlich wie hier zu schreiben. Zum ersten Mal bemerkbar gemacht hat sich mein Stottern, als ich etwa vier Jahre alt war. Mit der Pubertät bin ich dann rausgewachsen, mit etwa 14 war ich symptomfrei.

Doch in der RS im Herbst 2012 kam es am Ende der ersten Woche zurück. Zuerst schleichend, nach ein paar Tagen konnte ich dann fast gar nicht mehr sprechen. Die RS durfte ich nach einigem Hin und Her dann abbrechen.

Nach etwa zwei Monaten begann ich eine psychiatrische und eine logopädische Therapie. Erstere brach ich nach einigen Monaten wieder ab, während die Logopädie mich noch etwa zwei Jahre begleitete.

«Jeden Tag gab ich mir grösste Mühe, möglichst nicht zu stottern, es möglichst gut zu verstecken.»

Im Herbst 2013 folgte ein Islamwissenschafts- und Geschichtsstudium an der Uni Zürich. Ich hatte Angst vor dem Sprechen und schämte mich für mein Stottern. Jeden Tag gab ich mir grösste Mühe, möglichst nicht zu stottern, es möglichst gut zu verstecken.

Vor allem aber war es meine grösste Angst, gegenüber Leuten, die mich noch von früher kannten, zu stottern. Wie würden sie reagieren?

Von Zeit zu Zeit gab es wirklich schöne Erlebnisse im Studium. Als ich im Geschichts-Proseminar etwa einen Vortrag hielt oder eine Stunde leitete, kamen ausschliesslich positive und aufbauende Rückmeldungen. Auch die Therapie fokussierte sich darauf, mich dazu zu bringen, mein Stottern anzunehmen, dazu stehen zu können. Während eines Sprachaufenthalts in Beirut gegen Ende meines Studiums konnte ich meine Art zu sprechen nicht mehr verstecken. Mal für Mal musste ich mich überwinden, Mal für Mal wurde es ein wenig leichter. Man könnte fast sagen, ich wurde abgehärtet. Doch die Überzeugung, nur flüssiges Sprechen sei akzeptabel, sass so tief und die übertriebene, wohl krankhafte Angst war so gross, dass ich nach etwa drei Jahren nicht mehr konnte und mein Studium etwa in der Hälfte des Bachelors abbrach.

Danach folgte eine schwierige Zeit. Schon was in der RS passiert war, sah ich als Versagen, den Abbruch des Studiums erst recht. Ich fragte mich, wohin ich gehöre, wo es einen Platz für mich gibt. Ich wusste, was ich draufhabe, fühlte mich jedoch im wahrsten Sinne des Wortes behindert.

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Einen Grossteil des folgenden Jahres verbrachte ich im Ausland, ich bereiste den Südkaukasus und Südostasien. Es war wohl eine Art Flucht, ich musste alles, was passiert war, verdauen. Zurück in der Schweiz habe ich dann Gelegenheiten genutzt, neue Leute kennenzulernen. Dass ich dabei mein Stottern von Anfang an nicht verstecken konnte, machte vieles leichter. Es war wortwörtlich ausgesprochen und danach eigentlich kein Thema mehr.

Meine Arbeit als Korrektor für watson hat auch in jener Zeit der Ungewissheit nach dem Studienabbruch mein Selbstwertgefühl gestärkt. Seit dem Launch im Januar 2014 bin ich dabei. An einem Freitagsbier auf der Redaktion vor etwa zwei Jahren hat ein Kollege Klartext mit mir geredet, was mein Stottern betrifft. Hart und direkt, das war aber nötig. Er hat mir klargemacht, dass es in absehbarer Zeit nicht verschwinden wird. Dass ich lernen muss, damit umzugehen. Dass ich echt was draufhabe und mir mein Stottern nicht im Weg stehen darf. Dass ich vielleicht auch mal negative Reaktionen erleben werde und man mich vielleicht auslacht, mich das aber nicht hindern soll. Ich sei nun mal behindert und solle dazu stehen. Dazu hat er mich geboxt und mir so die Botschaft wortwörtlich eingeprügelt.

«Es brauchte Monate, gar Jahre. Immer ein Wagnis mehr – der Sprung ins kalte Wasser, mich überwinden, wieder und wieder.»

Und ja, da hat es wirklich klick gemacht. Es brauchte Monate, gar Jahre. Immer ein Wagnis mehr – der Sprung ins kalte Wasser, mich überwinden, wieder und wieder. Und die Reaktionen waren positiv. Freundschaften entstanden, ich war ständig unterwegs, war vom Leben begeistert und wollte mich nicht mehr verstecken. Ich durfte bedingungslose Liebe erfahren, und meine Art zu sprechen war auf einmal völlig egal. Ich habe begonnen, mich ehrenamtlich zu engagieren, auch in einem kleinen Laden auszuhelfen, Kunden zu bedienen – und auch nach dem Studium wieder mal einen Vortrag gehalten.

Heute weiss ich: Es gibt keine richtige oder falsche Art zu sprechen. Manche von uns sprechen halt einfach nicht ganz so flüssig, mal mit Pausen, kurzen oder langen. Doch wir haben alle etwas zu sagen.

Seit etwa einem Monat studiere ich wieder: Angewandte Sprachen an der ZHAW. Die Ängste waren zu Beginn wieder da. Doch es ist bald schon besser geworden, Silbe für Silbe. Ich freue mich aufs Studium, den Abschluss, die Arbeitswelt.

«Ich hoffe, ich konnte euch an diesem Welttag des Stotterns Mut machen, zu euren Wiederholungen und Blockaden zu stehen.»

Dieser Text ist keine Selbstverständlichkeit. Etwa jede hundertste Person in der Schweiz stottert, und doch ist mir fast noch nie ein Stotterer begegnet. Wenn ich einen Überlegungsfehler mache, bitte ich die Statistiker, mich in den Kommentaren aufzuklären. Aber ich bin mir fast sicher, dass wir Stotterer so unsichtbar sind, weil sich so viele von uns für ihre Art zu sprechen schämen, sich verstecken, so wie ich es getan habe.

Ich hoffe, ich konnte euch an diesem Welttag des Stotterns Mut machen, zu euren Wiederholungen und Blockaden zu stehen – und die anderen 99% ein wenig sensibilisieren.

3 Tipps zum Umgang mit Stotternden

Auch wenn es gut gemeint ist: Sagt einer Person, die stottert, nie, ihr Stottern bzw. Sprechen sei (gerade, heute, in letzter Zeit ...) gut, besser oder schlimmer bzw. schlechter. Es gibt keine gute oder schlechte Art zu sprechen und beim Stottern ist es genauso. Sowas zu sagen verstärkt nur die Überzeugung, das Stottern sei etwas Schlechtes, etwas, wofür man sich schämen sollte.

Wenn ihr ein ehrliches Kompliment machen wollt, sagt lieber etwas wie: «Es beeindruckt mich, wie locker du mit deinem Stottern umgehen kannst.»

Sprecht nicht für uns Stotterer, sprecht unsere Wörter oder Sätze nicht zu Ende. Wir können sprechen. Tut es nur, wenn wir euch darum bitten. Auch wenn es gut gemeint ist: Es führt nur dazu, dass der Druck bzw. Stress sich erhöht oder überhaupt erst entsteht.

Schaut nicht weg, wenn jemand stottert. Ja, ich schliesse immer wieder mal meine Augen oder schaue selber weg, wenn ich stottere. Aber nicht weil ich mich schäme, sondern weil ich versuche, Reize auszublenden und mich aufs Sprechen zu konzentrieren.

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