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Modell der neolithischen Siedlung Catal Höyük ( 7300 v.Chr. ) in der Türkei.
https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%87atalh%C3%B6y%C3%BCk#/media/Datei:MUFT_-_Catal_H%C3%B6y%C3%BCk_Modell.jpg

Modell der steinzeitlichen Siedlung Çatalhöyük. Bild: Wikimedia

Gewalt und Krankheiten – die Bewohner der ersten Steinzeit-Stadt lebten gefährlich



Vor rund 10'000 Jahren begannen einige Menschen im Nahen Osten, ihre Lebensweise als umherziehende Jäger und Sammler allmählich zu verändern. Im Zuge der neolithischen Revolution gingen sie zunächst zu Viehzucht und dann zum Ackerbau über. Und sie begannen, Siedlungen anzulegen.

Eine der ältesten bekannten Siedlungen ist Çatalhöyük in der heutigen Türkei. Die Siedlung entstand vor etwa 9500 Jahren im südlichen Anatolien und erlebte ihre Blütezeit rund 1000 Jahre später, von etwa 6700 bis 6500 v. Chr. Damals drängten sich auf einer Fläche von rund 13 Hektar – das entspricht einem Quadrat von 360 Meter Seitenlänge – zeitweise bis zu 3500 Menschen mit Tieren in der Steinzeit-Stadt. Manche Forscher gehen sogar von 8000 Bewohnern aus. Später ging die Bevölkerung stark zurück und um 5950 v. Chr. wurde die Siedlung aufgegeben.

«Çatalhöyük war eine der allerersten proto-urbanen Gemeinschaften der Welt, und seine Einwohner erlebten, was es bedeutet, wenn sich viele Menschen für längere Zeit an einem Ort versammeln.»

Clark Spencer Larsen, Archäologe

Çatalhöyük bestand aus hunderten von eng aneinandergesetzten Lehmziegel- oder Stampflehmhäusern. Zwischen diesen Bauten gab es keine Strassen oder Gassen; die Bewohner gelangten über Leitern und Öffnungen in den Flachdächern – die zugleich als Rauchabzug dienten – in ihre Häuser. Die für diese Frühzeit hohe Bevölkerungsdichte verdankte sich vermutlich der günstigen Lage der Siedlung. Hier gab es Gewässer in der Nähe, während die Konya-Ebene ansonsten eher niederschlagsarm ist. Das Nahrungsangebot in der Umgebung dürfte gut gewesen sein.

Die Menschen lebten hauptsächlich vom Ackerbau; sie ernährten sich vornehmlich von Weizen, Gerste und Roggen sowie Wildpflanzen, wie Isotopenanalysen zeigen. Zusätzlich ergänzten Schafe, Ziegen und Wild den Speisezettel, später in geringerem Masse auch domestizierte Rinder.

Çatalhöyük after the first excavations.
https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=26650324

Çatalhöyük nach den ersten Ausgrabungen. Bild: Wikimedia/Omar Hoftun

Doch diese Art der Ernährung und das Zusammenleben auf engem Raum brachten Probleme mit sich, wie ein Team von Archäologen um Clark Spencer Larsen von der Ohio State University nach jahrelangen Ausgrabungen feststellte, bei der die Überreste von 742 Bewohnern untersucht wurden. «Çatalhöyük war eine der allerersten proto-urbanen Gemeinschaften der Welt, und seine Einwohner erlebten, was es bedeutet, wenn sich viele Menschen für längere Zeit an einem Ort versammeln», so Larsen.

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«3D Çatalhöyük Project Animation.» Video: YouTube/Center for Mind and Culture

Aufgrund des hohen Getreideanteils bei der Ernährung kam es bei den Bewohnern zu typischen Zivilisationskrankheiten, vor allem Karies: 10 bis 13 Prozent aller gefundenen Zähne von Erwachsenen wiesen Schäden durch Zahnfäule auf, wie die Forscher in ihrer im Fachjournal «Pnas» veröffentlichten Studie berichten. Zudem zeigten Veränderungen an den Beinknochen, dass die Bewohner Çatalhöyüks im Laufe der Zeit – parallel zum Wachstum der Siedlung – immer weitere Strecken zu Fuss zurückgelegt haben mussten.

«Somit könnte man interpretieren, dass die Überbevölkerung zu erhöhtem Stress und zu Konflikten innerhalb der Siedlung geführt hat.»

Clark Spencer Larsen, Archäologe

Die Archäologen sehen darin ein Indiz, dass die Weide- und Ackerflächen in der Nähe zusehends übernutzt wurden. «Wir glauben, dass die landwirtschaftlich ausgelaugte Umgebung und Klimaveränderungen die Bevölkerung dazu zwangen, immer weitere Strecken zurückzulegen, um die Siedlung versorgen zu können», stellt Larsen fest.

This is an artist’s impression of Çatalhöyük.

Künstlerische Darstellung von Çatalhöyük. Bild: Dan Lewandowski

Das enge Zusammenleben – sowohl von Menschen untereinander als auch mit Tieren – begünstigte ausserdem die Verbreitung von Krankheiten. Innenwände und Böden der Häuser waren mit menschlichen und tierischen Fäkalien verunreinigt; Tierställe und Müllgruben befanden sich direkt neben den Häusern. Rund ein Drittel der untersuchten Knochen wies denn auch Anzeichen für Infektionen auf.

Auch für ein harmonisches Zusammenleben waren die Umstände in Çatalhöyük nicht eben förderlich, wie die Untersuchungen der Forscher an einer Stichprobe von 93 Schädeln aus einem Zeitraum von insgesamt 1000 Jahren zeigen. Mehr als ein Viertel der Schädel wies Spuren von geheilten Frakturen auf, zwölf davon sogar mehrere. Mehr als die Hälfte der Opfer waren Frauen. Die Mehrzahl der Verletzungen – sie waren von harten, runden Gegenständen verursacht worden – befand sich am Hinterkopf; die Opfer waren daher vermutlich von hinten angegriffen worden.

Skelett einer Frau aus Çatalhöyük

Weibliches Skelett aus Çatalhöyük. Bild: Çatalhöyük Research Project/Jason Quinlan

Es scheint zudem, dass die Gewalt intensiver wurde, als die Siedlung wuchs. «Wir fanden eine Zunahme dieser Schädelverletzungen während der mittleren Periode, als die Bevölkerung am grössten und am dichtesten war», stellt Larsen fest. «Somit könnte man interpretieren, dass die Überbevölkerung zu erhöhtem Stress und zu Konflikten innerhalb der Siedlung geführt hat.»

Das Beispiel von Çatalhöyük zeige uns die Ursprünge von Faktoren, die noch immer das Leben in unseren heutigen Gemeinschaften prägen, sagte Larsen. «Mit vielen der Herausforderungen unserer Zeit waren offenbar auch schon die Menschen in Çatalhöyük konfrontiert. Aber unsere heutigen Probleme haben grössere Dimensionen.»

(dhr)

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    Alle Leser-Kommentare
  • Hardy18 29.07.2019 14:03
    Highlight Highlight Vielleicht wurden sie auch des Öfteren überfallen. 🤷🏼‍♂️ und wenn die meisten Frakturen am Kopf waren sind vielleicht auch die Dächer eingefallen oder jemand durch das Loch auf dem Kopf gefallen... wer weiss, wer weiss
    Ich kann mir nicht vorstellen freiwillig auf engstem Raum zu wohnen, weil ich vorher soviel Platz hatte und jetzt meine Nahrung teilen muss. Früher war man vielleicht nicht die hellste Kerze im Wald, aber ganz doof waren sie auch nicht.
  • Wentin 29.07.2019 01:39
    Highlight Highlight Interessant wie solche Dinge nach Jahrtausenden noch festgestellt werden können (natürlich wird nicht alles davon ganz stimmen, aber die Begründungen machen durchaus Sinn). Trotzdem, sehr spannend der Artikel! Gerne mehr davon!
  • DrFreeze 29.07.2019 00:25
    Highlight Highlight Tja und 10'000 Jahre später sind wir nicht wirklich viel weiter gekommen.
  • imposselbee 29.07.2019 00:18
    Highlight Highlight Ich finde den Titel etwas reisserisch, wenn man bedenkt, dass diese Stadt über 3500 Jahre bestand hatte.
    Dabei frage ich mich aber schon, warum es nicht zu einer Bevölkerungsexplosion gekommen ist, über einen so langen Zeitraum bloss 8000 Menschen im Schnitt? Und warum nur 742 Skelette, da müssten bestimmt 100‘000 Skelette verbuddelt worden sein. Sehr suspekt das Ganze.
    Es muss sich dort ganz klar um eine ausserirdische Versuchsstadt/Ausbildungsstätte gehandelt haben und die Bewohner wurden nach der Ausbildung auf andere Kontinente/Standorte verteilt - logisch. 🧐 *x-file closed*
    • Grabeskaelte 29.07.2019 15:54
      Highlight Highlight Erich bisch es du? ;-)
  • El Vals del Obrero 28.07.2019 21:53
    Highlight Highlight Heute dürften (bis zum Ausfall) wohl auch nicht um Grössenordnungen weniger als 10-13% der Zähne Karies gehabt haben (aber die Unterschiede sind wohl die Behandlungsmöglichkeiten).
  • Wald81 28.07.2019 21:40
    Highlight Highlight Für Interessierte: Die Letzte Ausgabe von Geo Epoche hatte die Steinzeit als Thema und beinhaltete auch einen Artikel zu dieser Siedlung. Sehr empfehlenswert!
    • WHU89 28.07.2019 23:03
      Highlight Highlight danke für den tipp! finde geo epoche immer sehr interessant. gleich morgen mal nachschauen
  • Wenzel der Faule 28.07.2019 21:03
    Highlight Highlight Bitte mehr davon, wirklich sehr interessant!
    • Xumidi23 28.07.2019 21:51
      Highlight Highlight Absolut einverstanden! Bitte mehr solch spannende Artikel.
  • Patho 28.07.2019 20:58
    Highlight Highlight 3500 Einwohner auf 13 Hektaren sind hochgerechnet ca. 2'500'000 Einwohner für die Stadt Zürich (ohne Agglo-Gemeinden), oder ca. 27'000 Einw./km2. Bevor jetzt jemand kommt und ein solches Szenario in der Schweiz in den nächsten paar Jahren ausmalt, so wegen Dichtestress und so;)
    • mike2s 29.07.2019 09:39
      Highlight Highlight Wobei in diesem Ort nur auf einer Ebene gewohnt würde.
  • Glenn Quagmire 28.07.2019 20:30
    Highlight Highlight Dichtestress für auch heute zu mehr gewalt, vor allem, in ärmeren Gebieten.
    • El Vals del Obrero 28.07.2019 20:56
      Highlight Highlight Aber offenbar war das Leben in der Stadt denoch besser, sonst wären sie ja kaum dortgeblieben. Und auch heute fliehen in ärmeren terrorverseuchten Ländern die Leute oft vom Land in eine Stadt.
    • Til 29.07.2019 01:30
      Highlight Highlight Ob das Leben besser war in der Stadt, bin ich nicht so sicher. Der Mensch tut ja vieles instinktiv, was nicht unbedingt wirklich gut für ihn ist.
  • Volande 28.07.2019 19:42
    Highlight Highlight Zwischen 3500 und 8000 BewohnerInnen, das erzählt nicht etwa von Dichtestress in Städten, sondern beweist die Suboptimalität der Dorfgröße für die menschliche Psyche 😉

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