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Das erste «Krokodil» der Great Indian Peninsula Railway.

Das erste «Krokodil» der Great Indian Peninsula Railway. Bild: SBB Historic

Als die Schweiz noch «Krokodile» exportierte

1925 erhielt die Schweizerische Lokomotiv- und Maschinenfabrik Winterthur den Auftrag, «Krokodil»-Lokomotiven für die Great Indian Peninsula Railway zu bauen.

Gabriel Heim / Schweizerisches Nationalmuseum



Am 16. April 1853 verlässt ein reich geschmückter und mit 400 illustren Passagieren besetzter Sonderzug der Great Indian Peninsula Railway (GIPR) den Boree-Bunder-Bahnhof in Bombay. Das Eisenbahn-Zeitalter hat Indien erreicht. Der mit 14 Waggons bestückte Zug wird von drei aus England gelieferten Dampflokomotiven gezogen. Sie tragen die Namen: Sultan, Sindh und Sahib.

Von da an gedeiht das Streckennetz auf dem damals britisch beherrschten Subkontinent kontinuierlich, denn mit der Bahn sollte der Export von Baumwolle, Seide, Opium, Zucker und Gewürzen gesteigert werden. Zum Ende des Ersten Weltkriegs verbinden 4300 Breitspur-Kilometer die wichtigsten Knotenpunkte in Britisch-Indien.

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Wenige Jahre später, am 3. Februar 1925, hat der – mittlerweile in Victoria Terminus umbenannte – Bahnhof von Bombay erneut Grund zum Feiern. Die erste Elektro-Lok der Great Indian steht zur Abfahrt bereit. Und wieder verlässt ein Sonderzug den Bahnhof – diesmal ohne Schwaden und Pfiffe. Zwei Jahre darauf tritt auf der ersten, mit 3000 Volt Gleichstrom ausgerüsteten Strecke die unbestrittene Königin der Elektrolokomotiven ihr Indisches Abenteuer an: Das legendäre «Krokodil» aus den Werkhallen der Schweizerischen Lokomotiv- und Maschinenfabrik (SLM) Winterthur.

Ein indisches «Krokodil» im Einsatz.

Ein indisches «Krokodil» im Einsatz. Bild: SBB Historic

Im Vertrag und Pflichtenheft ist vermerkt: Lok. Type CxC / Freight Loco / Ordre L5880. Lieferfrist für den Prototyp ist Ende April 1927. Neun weitere Ausführungen sind laut Vertrag zwischen Juli und September desselben Jahres – möglichst ein Stück pro Woche – seetüchtig verpackt für die Verschiffung nach Bombay, Indien auszuliefern. Eine der Vertragsbedingungen legt die Konventionalstrafe fest: ein halbes Prozent des Verkaufswerts pro Woche Verspätung. Es ist ein Grossauftrag, dem weitere in ganz Europa folgen sollten. Den Ruf dazu hatte sich die Winterthurer Fabrik ab 1919 mit ihrer SBB-Entwicklung, einer schweren Gebirgs-Güterzuglokomotive mit Schrägstangenantrieb erarbeitet.

Eine der damaligen Bedingungen war, dass die neue Zugmaschine die Strecke Goldau – Chiasso zwei Mal innert 28 Stunden – bei nur 15 Minuten Aufenthalt in den Endstationen – mit 860 Tonnen Anhängergewicht zurücklegen kann. Ab 1922 durchqueren die ersten 33, von den Eisenbahnern – und auch im Volksmund – respektvoll «Krokodil» genannten Lokomotiven auf ihren unermüdlichen Fahrten zwischen Basel und Chiasso die Schweiz. Bald schon sind sie aus dem Landschaftsbild des Eisenbahnlandes nicht mehr wegzudenken.

Ein seetüchtig verpackter Lokomotivkasten vor dem Versand nach Indien.

Ein seetüchtig verpackter Lokomotivkasten vor dem Versand nach Indien. Bild: SBB Historic

Beim Schweizer «Krokodil» war die SLM Winterthur für die mechanischen Bauteile zuständig. Die gesamte Elektrik wurde von der Maschinenfabrik Oerlikon geliefert. Diese Arbeitsteilung passte den britisch dominierten Auftraggebern der GIPR nicht. Um Arbeit und Verdienst im Mutterland der Eisenbahn zu halten, wird der in Manchester ansässige Elektrokonzern Metropolitan-Vickers beauftragt, die Motoren der Freight-Locos zu bauen, was für die Winterthurer mit einem hohen Abstimmungsbedarf verbunden gewesen ist.

«Nachdem die elektrische Ausrüstung zur vollen Zufriedenstellung der Consulting Engeneers [in Manchester] montiert und demontiert worden ist, wird der mechanische Teil auseinandergenommen und verpackt, worauf nearest British Port Verschiffung nach Bombay, India des mechanischen Teils erfolgt. Das Verpackungsmaterial soll von uns so geliefert werden, dass es für den Weitertransport nach Bombay verwendet werden kann. Die Wiedermontage aller mechanischen Teile nach Ankunft in Indien wird von uns und zu unseren Lasten ausgeführt.»

Der Gesamteindruck der Indischen «Krokodile» ist bulliger und kantiger als jener der schlankeren und ein wenig geduckten SBB-Ausführungen. Die Winterthurer mussten sich beim Bau des Lokomotivkastens und der beiden «Motoren-Nasen» an Bedingungen orientieren, die durch das Klima, die langen Strecken ohne Wartung und die Masse der um 241 Millimeter breiteren Spur vorgegeben wurden.

«Über den Motoren ist eine Haube aufgebaut, in der ausserdem noch die Ventilatoren, die Fahrtwender und einige andere elektrische Apparate untergebracht sind. Diese Haube ist so hoch und breit, dass sie innen begangen werden kann, um eine Kontrolle der Motoren auch während der Fahrt zu ermöglichen.»

Insgesamt standen bei der Great Indian Peninsula Railway 40 «Krokodile» der Achsfolge C+C im Einsatz. Davon wurden nur die ersten zehn in Winterthur gebaut. Der Auftrag für weitere 31 Krokos ging später zu Vulcan und Vickers. Dass die Briten der Schweiz die «Wunderlokomotive» nicht gönnen mochten, war schon früh erkennbar. In einer Aktennotiz zum Bau der ersten Serie ist notiert:

«Es hat den Anschein als ob nur Metro-Vickers auf der Firma-Tafel [am Gehäuse der Lokomotive] zugelassen wird.»

So mag es denn eine kleine Genugtuung sein, dass das letzte Überlebende GIPR-«Krokodil» mit der Nummer 4502, das im Rail Transport-Museum von Neu-Delhi erhalten ist, 1927 in Winterthur «geboren» wurde.

Ein SBB-«Krokodil» der ersten Baureihe (1919-1921) für den Einsatz in der Schweiz.

Ein SBB-«Krokodil» der ersten Baureihe (1919-1921) für den Einsatz in der Schweiz. Bild: Schweizerisches Nationalmuseum

>>> Weitere historische Artikel auf: blog.nationalmuseum.ch

watson übernimmt in loser Folge ausgesuchte Perlen aus dem Blog des Nationalmuseums. Der Beitrag «Als die Schweiz noch «Krokodile» exportierte» erschien am 9. September.
blog.nationalmuseum.ch/2020/09/als-die-schweiz-noch-krokodile-exportierte

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36Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Sverige 21.09.2020 08:29
    Highlight Highlight Mag mich in den 70er Jahren noch gut daran erinnern, dass Krokodilloks bei uns mehrheitlich Güterzüge herum beförderte. Auch gab es am Sonntag Abend um ca. 18 Uhr einen Personenzug mit der Krokodillok zwischen Langnau i/E und Luzern
  • rönsger 20.09.2020 20:30
    Highlight Highlight Toller Artikel, merci! Aber was ist ein "Schrägstangenantrieb"?
    • Marc Lüthi (netztier) 21.09.2020 00:22
      Highlight Highlight In den Anfängen des Elektro-Lokomotivbaus waren die angetriebenen Räder noch mit Stangen untereinander verbunden ("gekuppelt"). Das war eine Technik, mit der man aus dem Dampflok-Bau vertraut war. Es gab dann diverse "Arrangements" wie die Rotationsbewegeung des/der Motors/en auf die gekuppelten Räder übertragen werden konnte, mit teils raffinierten Hebel-, Schwingen/Gegengewichts/Blindwellen-Konstrukten.

      Die Variante beim SBB-Krokodil der dritten Baureihe und auch beim Indien-Krokodil wurde "Winterthurer Schrägstangen-Antrieb" genannt. Beim genauen Hingucken erschliesst sich, weshalb.
  • Gummibär 20.09.2020 15:27
    Highlight Highlight In Indien wurden die Lokomotiven "Crab" (Krabbe) genannt und bis 1994 eingesetzt. Das untenstehende Bild zeigt die dritte der insgesamt 28 importierten Lokomotiven . “Sir Leslie Wilson” genannt steht sie im National Railway Museum in New Delhi.
    Benutzer Bild
  • Swen Goldpreis 20.09.2020 15:24
    Highlight Highlight Kleine Anmerkung für die Autoren: 1853 und 1925 ist aus heutiger Perspektive zwar beides weit entfernt. Aber es liegt aber trotzdem ziemlich genau ein komplettes Menschenleben dazwischen und es wird wohl nur sehr, sehr wenige Zeitgenossen gegeben haben, die beide Ereignisse bewusst miterlebt haben. Da würde ich als Autor jetzt den Begriff "wenige Jahre später" eher nicht verwenden. Ansonsten aber ein interessanter Beitrag.
    • Heimo 20.09.2020 20:54
      Highlight Highlight Da haben Sie Recht !
      Der Autor.
  • Guido Zeh 20.09.2020 15:22
    Highlight Highlight Die Schweizer bauten einfach mit die schönsten Lokomotiven der Welt! Da gibt es keine Widerrede!
  • maricana 20.09.2020 15:12
    Highlight Highlight Bei der Seetalbahn fuhr in den 60er Jahren ein Baby-Krokodil als Güterzug-Lok. Typisch für die Seetalbahn damals ganz in Rot.
    • ursus3000 20.09.2020 15:45
      Highlight Highlight Ich habe vorletzte Woche eine in Lausanne gesehen
    • maricana 20.09.2020 16:19
      Highlight Highlight De 6/6 15301 „Seetalkrokodil“
      Benutzer Bild
    • Juliet Bravo 20.09.2020 23:12
      Highlight Highlight 😍
  • Eskimo 20.09.2020 13:17
    Highlight Highlight Und ich dachte der Export von Maschinen und anderen Produkten sei nur dank den Bilateralen möglich. Anscheinend gings ja vorher auch schon..😉
    • Juliet Bravo 20.09.2020 13:27
      Highlight Highlight Kannst ja Peter Spuhler fragen, was die Vorteile für ihn sind.
    • Juliet Bravo 20.09.2020 21:34
      Highlight Highlight Und noch ein Tipp: die Bilateralen gelten nicht für Indien sondern die Europäische Union.
  • Glenn Quagmire 20.09.2020 12:57
    Highlight Highlight optisch schon eine andere Liga als der unsägliche FLIRT.
    • Glenn Quagmire 20.09.2020 19:50
      Highlight Highlight Der FLIRT mag technisch top sein. Preis/Leistung muss auch stimmen, sonst wäre er (sie?) nicht so beliebt.


      Find das Ding einfach hässlich....
    • Juliet Bravo 20.09.2020 22:12
      Highlight Highlight Ich finde die neuste Flirt-Generation - insbesondere die Voralpen-Express/Treno Gottardo Version wirklich sehr gelungen. Sowohl aussen wie innen. Aber ich verstehe als Alligator-Fan, was du meinst. Sind halt Generationen dazwischen.
    • Glenn Quagmire 20.09.2020 22:40
      Highlight Highlight wie gesagt, technisch top, aber halt einfach hässlich. der alte graue Voralpenexpress hatte mehr Charme.
    Weitere Antworten anzeigen
  • Denk nach 20.09.2020 12:49
    Highlight Highlight Die SBB Ausführung finde ich optisch schöner als die indische Variante. Aber über Geschmack lässt sich ja streiten 😉
  • Eidg. dipl. Kommentarspalter 20.09.2020 12:39
    Highlight Highlight Sehr spannend! Bitte auch bald so einen Beitrag über den „roten Blitz“.
    • Guido Zeh 20.09.2020 15:20
      Highlight Highlight Meins du eventuell den "Roten Pfeil"?
    • Eidg. dipl. Kommentarspalter 20.09.2020 20:08
      Highlight Highlight Uiuiui, da wäre Alois, der Zugführer aber nicht zufrieden gewesen mit mir. ;) Natürlich hast du Recht, Guido!
  • Exilglarner 20.09.2020 12:29
    Highlight Highlight Schweizer Inginieurskunst hoch10...😍
    • Exilglarner 20.09.2020 15:47
      Highlight Highlight @Astrogator

      Wie wahr, wie wahr... die Re460 hatte den Höhepunkt gebildet - danach kam der Fall...
    • Juliet Bravo 20.09.2020 23:35
      Highlight Highlight Die SLM hatte ja eine ganze Reihe an schönen Export-Lokomotiven. Zuletzt die 460 in Breitspur (?) an die Finnische Staatsbahn VR. Auf einer Reise in Argentinien war ich angetan, die Überreste der Andenbahn von Mendoza nach Chile zu sehen. Nicht nur das System (Meterspur mit Abt Zahnstangen wie z.B. am Oberalp) sondern offenbar auch SLM-Lokomotiven wurden zur Elektrifizierung von Winti dorthin exportiert.
      In Brasilien fahren zwischen Santos und Sao Paulo neue Schweizer Loks - wahrlich keine Schönheiten.

      Be 4/6 classe 100 in den Anden (https://www.ferrocarril-trasandino.com.ar/historia/)
      Benutzer Bild
  • Gunther 20.09.2020 12:29
    Highlight Highlight Anmerkung:
    Die Schweizerische Lokomotiven- und Maschinenfabriken produzierten alle möglichen wegweisenden Lokomotiven zum Beispiel auch Zahnradlokomotiven, verschiedene Dampf- und auch Elektrolokomotiven.
    Damals / früher wurden auch noch verschiedenste Automobile hergestellt und es gab eine heute eher unbekannte Markenvielfalt, zum Beispiel bei den Lastkraftwagen der Adolph Saurer AG und von Franz Brozincevic & Cie. . . .
    Wer kennt das noch? Ergänzungen?
    • ursus3000 20.09.2020 14:09
      Highlight Highlight Berna z.B.
  • dmark 20.09.2020 11:56
    Highlight Highlight Das Krokodil - der Stolz einer jeden Märklin Modelleisenbahnanlage.
    • Exilglarner 20.09.2020 12:37
      Highlight Highlight @dmark

      Das Krokodil durfte nicht fehelen - ich hatte 4 in betrieb auf Spur N laufen (je 1 von 'Jägendorfer' , 'Märklin' , 'Arnold' und 'Minitrix')...🤩
  • Quaoar 20.09.2020 11:44
    Highlight Highlight Interessanter Artikel.
    Das letzte Bild zeigt allerdings die zweite Serie Krokodil der SBB, eine Ce 6/8 III (1926-1927). Erkennbar am Oerlikoner Schrägstangenantrieb (der selbe wie bei der GIP -Lok) Die erste Krokodilserie hatte eine Blindwelle.
    Benutzer Bild
  • Berberis 20.09.2020 11:25
    Highlight Highlight Danke für diesen Beitrag. Da habt ihr tatsächlich Kindheitserinnerungen in mir geweckt. Denn die "Krokodile" gehörten zu meinen Lieblingsloks. Ich habe Stunden in der Modelleisenbahnabteilung des Spielwarengeschäfts verbracht, um eben diese Loks zu betrachten :-)

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