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epa08825303 A view of the new Munch Museum (L) at the waterfront in Oslo, Norway, 17 November 2020. The building is designed by Spanish architectural firm Studio Herreros. It is also called Lambda and the exterior is clad in recycled, perforated aluminium panels.  EPA/Cornelius Poppe NORWAY OUT

Oslo, im November 2020. Die Stadt mit ihren 700'000 Einwohnern fragt sich, wie Michael völlig unbemerkt sterben konnte und von wirklich niemandem vermisst wurde. Bild: keystone

Die unglaubliche Geschichte des Mannes, der 9 Jahre tot in seiner Wohnung lag

Das Massaker von Utøya, Donald Trump, dann die Corona-Krise. Auch in Norwegen nahm das Leben in den letzten Jahren seinen Lauf. Die ganze Zeit lag Michael tot in einem grauen Block östlich von Oslo.



«Dass niemand nach ihm gesucht oder gefragt hat, wohin er gegangen ist, ist unglaublich traurig.»

Marianne Borgen, Bürgermeisterin

Das Leben schreibt die verrücktesten Geschichten. Und auch die traurigsten. So wie die von Michael.

Michael lag fast zehn Jahre tot in der Wohnung. Neun Jahre und acht Monate, um genau zu sein. Dass er plötzlich nicht mehr da war, störte niemand. Weder die Nachbarn, noch die Behörden. Und auch seine Familie nicht.

Wobei Michael gar nie so hiess. Es ist ein Pseudonym, das er post mortem von der norwegischen Journalistin Henriette Mordt erhielt. Ihre online veröffentlichte Recherche hat grosse Betroffenheit ausgelöst in Norwegen. Der Titel der Story lautet: «Der Mann, der nie vermisst wurde».

Ein voller Briefkasten

Der Kultfilm «Fargo» brachte es 1996 auf den Punkt: «Auf Wunsch der Überlebenden wurden die Namen geändert. Aus Respekt vor den Toten wurde der Rest der Geschichte genau so erzählt, wie sie sich zugetragen hat.»

Beim filmischen Meisterwerk der Coen-Brüder und der ebenso sehenswerten, späteren Anthologie-TV-Serie wird höchst skurril und mit viel spritzendem Blut gemordet. Glücklicherweise blieb Michael ein gewaltsames Ende erspart. Gemäss den Ermittlungen starb er eines natürlichen Todes. Und doch rührt sein Schicksal die Bevölkerung in der norwegischen Hauptstadt – und darüber hinaus.

«Wir denken viel daran, meine Kollegen und auch Menschen, die seit Jahren hier arbeiten. Das ist eine sehr spezielle Angelegenheit und wir haben uns die Frage gestellt, wie das geschehen konnte.»

Grete Lien Metlid, Polizeisprecherin

Michaels Leichnam wurde nur durch Zufall entdeckt. Im vergangenen Dezember benachrichtigte ein Hausmeister die Polizei – er wollte sich eigentlich wegen Wartungsarbeiten Zutritt zur fremden Wohnung verschaffen.

Als die Polizisten sich das Essen im gefüllten Kühlschrank genauer anschauten, waren sie erstaunt. Der rosa Karton Magermilch hatte ein Verfallsdatum vom 6. Mai 2011.

Dass Michael plötzlich nie mehr auftauchte im Lift oder Flur, bemerkte niemand. In all den Jahren vermuteten die Nachbarn, er sei umgezogen oder «in einer Einrichtung».

Verwesungsgeruch? Es beschwerte sich niemand.

Der übervolle Briefkasten? Ein Rätsel. Es sei bis heute unklar, was mit vielen zugestellten Briefen passierte.

«Wir haben mit mehreren Leuten gesprochen, die glauben, dass Michaels Briefkasten möglicherweise geleert wurde.»

Henriette Mordt, Journalistin

(Nachdem Michael während zwei Jahren nicht auf Hinweise der Post reagiert hatte, wurde neu eintreffende Korrespondenz automatisch an die Absender retourniert.)

Allein in der Grossstadt

Seine Identität will die Polizei geheim halten. Wir wissen, dass Michael in einem anderen Land zur Welt kam, heiratete, mehrere Kinder hatte und seit Jahren auf eigenen Wunsch keinen Kontakt mehr zur Familie hatte. Frühere Nachbarn beschrieben ihn als introvertiert, zurückgezogen.

Auch nach seinem Tod wollte die Verwandtschaft sich gegenüber der Polizei nicht äussern. Er war bereits Rentner und lebte an mehreren Orten in Norwegens Hauptstadt, ehe er sich die Wohnung kaufte, in der er schliesslich starb.

2013 wurde ihm in der Lokalzeitung zum 70. Geburtstag gratuliert. Da war Michael zwei Jahre tot.

Sein unberührtes Bankkonto? Fiel niemandem auf. Die Rente wurde ihm während Jahren automatisch überwiesen, wie auch Rechnungen automatisch beglichen wurden.

Dazu muss man wissen, dass die Digitalisierung relativ weit fortgeschritten ist in Norwegen. Früher wäre Michael zur Bank gegangen, um Rechnungen zu bezahlen, und mit dem Bus zur Behörde gefahren, um Papiere zu unterschreiben. Aber dann wurde alles elektronisch und automatisch.

Völlige Ausgrenzung

Merkwürdigerweise entging er sogar der Steuer, was vermutlich viele für unmöglich gehalten hätten. Die städtische Steuerverwaltung liess ihn jedenfalls unbehelligt. Im Computersystem wurde «ohne bekannten Wohnort» vermerkt.

Michaels selbstgewählte Isolation beschäftigt nach seinem Tod auch die Politik. In einer Stadt mit fast 700'000 Einwohnern sei es eine Herausforderung, völlige Ausgrenzung zu verhindern, wird die Osloer Bürgermeisterin zitiert.

Es könne verschiedene Gründe geben, warum sich jemand komplett von der Aussenwelt abkapsle. Und natürlich sei es möglich, dass solche Personen psychische Probleme hätten. Gerade deshalb sei es wichtig, auf die Mitmenschen zu achten, versuchte die nachdenkliche Politikerin gegenüber den Medien eine Lehre aus dem Fall zu ziehen.

«Ich denke, wir alle wünschen uns, dass uns jemand sieht und sich Sorgen darüber macht, wie wir uns fühlen.»

Marianne Borgen

Quellen

Ein Video-Trend für einsame Schüler

Video: watson/Roberto Krone

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