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Roger Federer steht vor der Rückkehr in den Tenniszirkus.
Roger Federer steht vor der Rückkehr in den Tenniszirkus.
Bild: www.imago-images.de
Interview

Roger Federer vor seiner Rückkehr: «Tennis spielen ist für mich wie Velo fahren»

Nach über 400 Tagen Pause kehrt Roger Federer kommende Woche in Katar in den Tenniszirkus zurück. Mit vielen offenen Fragen. Aber auch mit Zuversicht. Und einem klaren Plan für die nächsten Monate.
08.03.2021, 18:42
Simon Häring / ch media

Nach zwei Operationen am Knie und über 13 Monaten Pause kehrt Roger Federer in der kommenden Woche in Katar in den Tenniszirkus zurück. Der 39-Jährige hat das Turnier in Doha 2005, 2006 und 2011 gewonnen, trat dort aber seit 2012 nicht mehr an. Am Samstag reiste er von Dubai an und trainierte am Abend ein erstes Mal mit dem Briten Daniel Evans, auf den er nach einem Freilos in der zweiten Runde treffen könnte. Am Sonntag sprach Roger Federer erst mit der Weltpresse und dann mit einem ausgewählten Kreis von Schweizer Journalisten über seine Rückkehr.

Roger Federer, wie fühlen Sie sich kurz vor der Rückkehr?
Ich bin sehr glücklich, hier zu sein, ein Turnier spielen zu können, und meine zweite Familie, die Tennis-Tour, wieder einmal zu sehen. Wenn Sie mich im November im Training gesehen hätten, dann sind das Riesenschritte für mich. Aber es ist erst der Anfang, überall gibt es Fragezeichen, das ist auch normal. Wenn du von einer Verletzung zurückkommst, ist es die grösste Herausforderung, wieder Vertrauen in deinen Körper zu fassen. Bin ich schon wieder auf dem besten Niveau? Nein, keine Chance. Denn mir fehlen die Spiele. Aber ich fühle mich gut genug, um ein Turnier wie hier zu spielen.

Was sind für Sie die grössten Herausforderungen und haben Sie noch Schmerzen am operierten Knie?
Der Schmerz ist unter Kontrolle, vor allem verglichen mit den letzten Monaten. Wenn ich am Morgen aufwache, fühle ich mich nicht wie ein gebrochener Mann. Ich bin glücklich, kann ich wieder an fünf, sechs Tagen in Folge für zweieinhalb Stunden am Stück trainieren. Keine Bedenken habe ich beim Tennis. Das ist für mich wie Velo fahren. Ich weiss, wie es geht und habe schon früher nicht viel trainieren und spielen müssen, um die Leistung abrufen zu können. Wenn mich etwas beschäftigt, dann ist es das Knie.

Ist die Situation vergleichbar mit 2017, als sie sich am Knie hatten operieren lassen müssen und ein halbes Jahr pausieren mussten?
Als ich damals zurückkam, war ich komplett gesund und habe mir nicht die Fragen gestellt, ob es Rückschläge geben könnte. Diesmal hatte ich zwei Operationen und der Weg war sehr lange und hart – er ist es noch immer. Es stehen viel mehr Fragezeichen im Raum. Schliesslich hatte ich zwei Operationen und war viel länger weg. Ich brauchte diese Zeit auch. Ich bin nicht auf dem Niveau von damals, aber gut genug, um an einem Turnier wie hier zu spielen und freue mich riesig darauf. Aber ich sehe es so: Bis Wimbledon steht alles im Zeichen des Aufbaus.

Federer muss vor seiner Rückkehr dutzende Interviews geben.
Federer muss vor seiner Rückkehr dutzende Interviews geben.
Bild: www.imago-images.de

In welchem Zustand waren Sie nach den Operationen?
Für mich war es erschreckend, zu sehen, wie sehr die Muskulatur abbaut, wenn man sich nicht bewegen kann. Ich ging danach jeweils für zwei Wochen an Krücken. Dass eine zweite Operation nötig wurde, war ein rechter Dämpfer. Danach hatte ich nicht mehr viele Muskeln und musst wieder bei Null beginnen.

Sie werden bald 40, haben vier Kinder, dazu kommt die Pandemie. Gab es einen Moment, in dem Sie an einen Rücktritt gedacht haben?
Es ist normal, dass wir – die Familie, das Team und ich – uns in dieser Zeit immer wieder mit der Frage beschäftigt haben: Wie geht es weiter? Aber als ich mich entschieden hatte, die erste Operation zu machen, war es klar, für Wimbledon wieder bereit zu sein. Ich dachte, ich hätte genügend Zeit. Mit den Komplikationen habe ich nicht gerechnet, und sie kamen auch sehr plötzlich und nicht nach dem Training. Nachdem ich mit den Kindern laufen war, oder nach dem Velo fahren schwoll das Knie an. Dazu kam die Pandemie, die uns noch länger beschäftigen wird. In diesem Moment habe ich alles in Frage gestellt. Aber ich wusste auch, dass ich diese Rehabilitation machen will und machen muss, ob ich zurückkomme oder nicht. Erstens wollte ich nicht so aufhören. Zweitens will ich nach der Karriere mit meinen Kindern und Freunden Ski fahren können, Fussball und Basketball spielen, Sport machen können. Für mich war klar, dass ich nicht so aufhören will. Ich habe das Gefühl, meine Geschichte ist noch nicht zu Ende. Der Rücktritt war also nie wirklich ein Thema. Denn ich geniesse es, Tennis zu spielen und unterwegs zu sein. Ich möchte wieder vorne mitspielen, gegen die Besten und hoffentlich auch noch gewinnen. Und ich hoffe, dass ich lange genug spiele, um das wieder in vollen Stadien tun zu können.

Federer auf dem Trainingscourt mit Severin Lüthi und Ivan Ljubicic.
Federer auf dem Trainingscourt mit Severin Lüthi und Ivan Ljubicic.
Bild: imago-images.de

Kann diese lange Pause sogar ihre Karriere verlängern, weil der Körper und der Kopf Zeit hatten, die Batterien wieder aufzuladen?
Wenn du lange spielen willst, sind Pausen immer willkommen, auch wenn es hart war, verletzt und lange Zuhause zu sein. Ich habe früh entschieden, dass ich mir Zeit nehmen, und mich nicht stressen lassen will. Ich habe es genossen, nach 20 Jahren auf der Tour, auch wenn ich sie vermisst habe. Das Knie wird diktieren, wie lange ich noch spielen kann, neben vielen anderen Dingen natürlich auch. Wichtig ist für mich, dass ich keine Verletzung habe und schmerzfrei bin, und das Tennis geniessen kann. Ich bin sehr gespannt, wie es laufen wird.

Während Ihrer Abwesenheit gewann Rafael Nadal seinen 20. Grand-Slam-Titel, Novak Djokovic triumphierte in Melbourne. Welche Bedeutung haben diese Rekorde noch für Sie?
Es ist grossartig, diese Debatte zu haben. Was Novak und Rafa geleistet haben, ist unglaublich, sie sind ja auch nicht mehr 25 und immer noch auf dem Höhepunkt, was grossartig ist fürs Tennis. Vielleicht bin ich für sie der Massstab. Für mich steht aber mein Spiel und meine Gesundheit im Vordergrund. Für sie sind die Rekorde vermutlich eine grössere Sache als für mich. Für mich war es schön, Pete Sampras' Rekord zu brechen. Natürlich will man alle Rekorde behalten, aber Rekorde sind da, um gebrochen zu werden. Wichtig ist, dass wir drei das Tennis einmal ohne Bedauern verlassen können.

Wir schwelgen in Erinnerungen.

Novak Djokovic organisierte während der Pandemie die Adria-Tour, gründete eine Spielergewerkschaft und wurde bei den US Open disqualifiziert. Wie beurteilen Sie das?
Für mich ist die Sache erledigt und ich möchte das gar nicht mehr gross aufrollen. Die Adria-Tour war gut gemeint. War es zu früh? Die Disqualifikation war einfach unglaublich grosses Pech und sicher keine Absicht. Das kann jedem passieren. Novak will nur das Beste fürs Tennis, auch mit der Spielergewerkschaft. Für mich passte es einfach nicht zusammen, dass er Präsident des Spielerrats war und die Gewerkschaft gründete. Ich habe ihn lange nicht gesehen und gesprochen, werde das aber bei Gelegenheit tun. Man kann nicht immer gleicher Meinung sein, aber wir alle wollen das Beste fürs Tennis. Jetzt steht wieder das Tennis im Vordergrund.

Wie sehr haben Sie die Turniere vermisst?
Nicht gross. Weil ich wusste, dass ich nicht um den Titel hätte spielen können. Und wenn ich das nicht kann, habe ich dort auch nichts verloren. Ich bin froh, dass ich das, was in Australian passiert ist mit der Quarantäne im Hotel, dem Lockdown und den Spielen ohne Zuschauer, nicht miterleben musste. Aber ich habe die Resultate genau verfolgt. Ich möchte wissen, was im Tennis läuft.

Wie sehr schmerzt es Sie, dass derzeit vor weniger Zuschauern gespielt wird – oder in den nächsten Monaten gar ganz ohne Publikum?
Es ist nicht so, wie wir alle uns das wünschen würden. Ich glaube, dass es in den ersten Runden keinen grossen Unterschied macht. Wenn ich trainiere, hat es auch nur wenig oder gar keine Zuschauer. In der Schweiz habe ich meine Privatsphäre. Komisch wird es, wenn es später um etwas geht, in engen Spielsituationen. Hier dürfen immerhin 2000 Menschen kommen, die können auch schon viel Lärm machen. Alles, was mehr als Null ist, ist gut. In einer kleinen Bar mit Band und Musik kannst du auch eine tolle Atmosphäre haben. Und persönlich bin ich einfach sehr glücklich, wieder spielen zu können. Ich bin gespannt, wie es sich anfühlen wird.

Wie planen Sie die nächsten Wochen und Monate?
Alles, was bis Wimbledon kommt, steht unter dem Motto Aufbau. Es ist der Beginn von drei, vier, fünf interessanten Monaten, in denen ich noch mehr spielen und trainieren werde. Erst dann weiss ich, wie das Knie reagiert. Nach langen und harten Matches, nach Reisen durch die verschiedenen Zeitzonen. Die Frage ist: Hält das Knie? Ich tat, was ich tun konnte. Eine gewissen Unsicherheit gibt es aber noch. Nach Doha und vielleicht Dubai werde ich noch einmal einen Aufbau machen. Ich muss noch schneller, noch stärker, noch explosiver werden. Ich hoffe, dass ich in Wimbledon bei hundert Prozent bin. Das ist mein Ziel, das ist der Plan. Welche Turniere ich bestreite, ist offen. Die Familie kann derzeit nicht mitreisen. Deshalb muss ich mir immer auch die Frage stellen, wie viel ich von Zuhause weg sein kann und will.

Federer schaut noch etwas kritisch.
Federer schaut noch etwas kritisch.
Bild: imago-images.de

Wie haben Sie persönlich die Zeit der Pandemie erlebt?
Wie für alle war und ist es eine spezielle Situation, wir haben viele neue Wörter und Dinge gelernt. Manchmal war es schwierig, den Kindern zu erklären, dass man den Grosseltern und Mami und Papi nicht zu nahe kommen darf. Aber es ist wie mit allem im Leben: Man gewöhnt sich an alles. Mir war es sehr wichtig, mit gutem Beispiel voranzugehen, zum Beispiel mit der Maske. Am Anfang war es mir zu blöd, mit Maske für ein Selfie zu posieren. Aber inzwischen mache ich auch das, wenn es den Menschen eine Freude bereitet.

Sie werden öfter alleine unterwegs sein als früher, weil die Kinder älter werden, aber auch wegen der Pandemie. Wie gehen Sie damit um?
Es ist natürlich schön, wenn die Kinder nicht wollen, dass ich weggehe. Aber ich habe ihnen gesagt, dass ich jetzt lange genug Zuhause war. Dafür ist es so: Wenn ich in der ersten Runde verliere, ist es super, weil ich dann schneller wieder Zuhause bin. Wenn ich weit komme, ist es auch schön.

Sie haben in Doha drei Mal das Turnier gewonnen, stellen Sie sich in einem Traumszenario vor, den Titel zu gewinnen?
Nein, nein, nein. Die Erwartungen sind sehr tief. Natürlich habe ich Bilder gesehen von diesen Siegen und natürlich ist das eine Inspiration für mich. Ich weiss, dass die Menschen Titel als Massstab nehmen. Für mich ist es aber schon ein Erfolg, wenn ich mehrere Spiele bestreiten kann. Für mich ist alles neu: die Bubble, das Leben im Hotel. Es werden spannende Monate. Aber vielleicht überrasche ich mich selbst, wie in den letzten Wochen im Training. Dort lief es viel besser als erwartet. Aber Matches sind eine andere Sache. Für mich geht es vor allem ums Knie. Wie fühle ich mich auf der Tour? Es sind meine ersten Schritte zurück zur Normalität.

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Roger Federer auf Briefmarken in aller Welt

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quelle: keystone / georgios kefalas
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